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(Auf Türkisch) https://youtu.be/WyLkou4_M_M

Alles sicher!? https://youtu.be/eHs5dmum5ts

Kaiser

Gebt uns unsren Kaiser! G. Kaiser will den neuen Feudalismus nicht – und das bei solch ethabenem Familiennamen! Hören Sie sich diese Ungeheuerlichkeit mal in aller Ruhe an! Also wirklich, wegschluss? https://youtu.be/0awrp9uUaH4

https://youtu.be/BGhV38r1X3c (von der Fraktion Die Linke)

Jaja!

Die gute CH und die BRD:

Die Nazi-Schützer

Deutschland verweigert vor der UN-Generalversammlung die Bekämpfung von Nazi-Verherrlichung und Rassismus-Praktiken.

von Jens Bernert, erschienen im Rubikon

Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen in New York untersteht dem Auswärtigen Amt unter Außenministerin Annalena Baerbock (1). Eine der ersten Amtshandlungen von Baerbock (Die Grünen) bestand ganz offensichtlich darin, die deutschen Vertreter bei den Vereinten Nationen anzuweisen, der Resolution der Generalversammlung gegen Nazismus, Neonazismus und Rassismus im Gegensatz zu Israel und 129 anderen Ländern nicht zuzustimmen.

In der Pressemitteilung der Vereinten Nationen zur Sitzung der Generalversammlung vom 16. Dezember 2021 heißt es, übersetzt auf Deutsch, zu der Anti-Nazi-Resolution der Weltgemeinschaft (2, 3):

„Mit 130 Ja-Stimmen bei 2 Gegenstimmen (Ukraine, Vereinigte Staaten) und 49 Enthaltungen nahm die Versammlung den Resolutionsentwurf I‚ Bekämpfung der Verherrlichung des Nazismus, des Neonazismus und anderer Praktiken, die dazu beitragen, zeitgenössische Formen von Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängender Intoleranz zu schüren‘ an.

Die Versammlung drückte ihre tiefe Besorgnis über die Verherrlichung der Nazibewegung, des Neonazismus und ehemaliger Mitglieder der Waffen-SS-Organisation aus, u.a. durch die Errichtung von Denkmälern und Gedenkstätten, die Abhaltung öffentlicher Demonstrationen im Namen der Verherrlichung der Nazi-Vergangenheit, der Nazibewegung und des Neonazismus und die Erklärung oder den Versuch, diese Mitglieder und diejenigen, die gegen die Anti-Hitler-Koalition gekämpft, mit der Nazibewegung kollaboriert und Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, zu ‚Teilnehmern an nationalen Befreiungsbewegungen‘ zu erklären.

Darüber hinaus forderte die Versammlung die Staaten nachdrücklich auf, alle Formen der Rassendiskriminierung mit allen geeigneten Mitteln zu beseitigen, auch durch die Gesetzgebung, und forderte sie auf, sich mit neuen und neu entstehenden Bedrohungen auseinanderzusetzen, die sich aus der Zunahme von Terroranschlägen ergeben, die durch Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und andere Formen der Intoleranz oder im Namen der Religion oder Weltanschauung verübt werden. Sie fordert die Staaten auf, dafür zu sorgen, dass die Bildungssysteme die notwendigen Inhalte entwickeln, um eine korrekte Darstellung der Geschichte zu vermitteln und Toleranz und andere internationale Menschenrechtsgrundsätze zu fördern. Sie verurteilt ferner vorbehaltlos jede Leugnung oder jeden Versuch der Leugnung des Holocaust sowie jede Äußerung von religiöser Intoleranz, Aufwiegelung, Belästigung oder Gewalt gegen Personen oder Gemeinschaften auf der Grundlage ihrer ethnischen Herkunft oder ihres religiösen Glaubens.“

Die Information darüber, welche Regierungen sich nicht zu einer Verurteilung von Nazis und Rassismus durchringen konnten oder wollten, ist gar nicht so einfach zu finden. In den deutschen Medien hat dieses Ereignis „nie stattgefunden“. Einen Bericht darüber findet man lediglich bei RT DE (4). Die russische UN-Mission hat einen Screenshot mit den Ländern und ihrem Abstimmungsverhalten bei Twitter gepostet (5). Wie Deutschland haben sich auch andere NATO- und EU-Staaten sowie weitere Staaten der Westlichen Wertegemeinschaft wie die Schweiz, Australien, Neuseeland und Japan enthalten. Israel hat im Gegensatz dazu für die Annahme der Resolution und die Verurteilung der Nazi-Verherrlichung gestimmt.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.auswaertiges-amt.de/de/aamt/auslandsvertretungen-node/staendige-vertretungen/217694
(2) https://www.un.org/press/en/2021/ga12396.doc.htm
(3) https://www.craigmurray.org.uk/archives/2021/12/protecting-the-nazis-the-extraordinary-vote-of-ukraine-and-the-usa/
(4) https://de.rt.com/international/128589-un-erklarung-gegen-verherrlichung-nazismus-verabschiedet-brd-enthalten-ukraine-usa-dagegen/
(5) https://twitter.com/RussiaUN/status/1471589093305954310/photo/1

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Jens Bernert

Jens Bernert, Jahrgang 1974, ist studierter Geograph und Politikwissenschaftler mit Abschluss der Universität Mannheim und arbeitet seit zehn Jahren als Software-Entwickler im Java-Umfeld. In seiner Freizeit bloggt er unter anderem in seinem Weblog „Blauer Bote Magazin“ meist zu aktuellen politischen und zeitgeschichtlichen Themen. Außerdem macht er als DJ Underpop — in leider immer größeren Abständen — Mannheim und Heidelberg unsicher.

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Phil

Der Technikfanatismus

Der Hype um die Digitalisierung hat wahnhafte und quasireligiöse Züge angenommen.

von Bernd Kuck im Rubikon

Der Rationalismus wirft gewaltige Schatten. Wenn die gesellschaftlich dominierenden Kräfte alles Religiöse verdrängen, kommen die durch die Vordertür verjagten Götter durch die Hintertür wieder herein — derart, dass der areligiöse Materialismus selbst zu einer Art Religion wird. Macht und Profit heißen die Hauptgottheiten unseres technokratischen Zeitalters. Darunter sind im säkularen Olymp Technik und Wissenschaft als Nebengottheiten angesiedelt. Speziell die Digitalisierung ist zum Dogma geworden. Es wird allenfalls noch darüber debattiert, wie und welchem Tempo diese fortschreiten soll —, nicht mehr darüber, ob dies überhaupt Sinn macht. Aus einem Kleinheitsgefühl heraus versucht sich der moderne Mensch durch Technikbeherrschung selbst zu erhöhen. Er verkrüppelt sich selbst, um dann mit umso größerem Eifer an den Prothesen zu basteln. Er höhlt sich emotional und spirituell aus, um sich dann in wachsendem Tempo mit digitalem Informationsmüll anfüllen zu lassen. Wo aber Krankheit und kranke Menschen das Geschehen beherrschen, ist es äußerst schwierig, dass unser gepeinigter Planet gesunden kann.

In einem Vortrag „Geld, Macht und die menschliche Psyche“ (1) wendet Josef Rattner, Pionier der Großgruppentherapie und origineller Fortführer der Individualpsychologie Alfred Adlers, einige Gesichtspunkte aus der Psychologie und der Philosophie auf die Frage an, inwieweit das Streben nach Geld und Macht zu den wahnhaften Irrtümern der Menschheit oder einer Kultur gerechnet werden können. Da kritische Geister inzwischen längst konstatieren, dass die Digitalisierung um jeden Preis Geld- und Machtinteressen folgt (2), möchte ich die von Rattner angeführten Überlegungen zu Geld und Macht auf die Digitalisierung als Form einer wahnhaften Fehlentwicklung anwenden.

Interessant ist die von Max Weber verdeutlichte Verbindung zwischen Geld und Protestantismus. Letzterer hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Bürgertum seinen persönlichen Wert durch Fleiß zum Erwerb von Geld und Gütern erhöhen konnte. Das Glück — was immer es sei — ist nun nicht mehr abhängig von der Zugehörigkeit zu einem gottgegebenen Klassensystem, sondern der im richtigen Glauben Lebende kann es durch Fleiß und Strebsamkeit zu etwas bringen.

Zwar trug diese Entwicklung wesentlich dazu bei, den Feudalismus zu überwinden, aber es entstand jedoch eine neue Fehlentwicklung, wenn Selbst- und Eigenwert in Geld und Macht sich ausdrückte statt in sozialen Leistungen, die vorrangig der menschlichen Gemeinschaft zugutekommen und nicht den Reichtum Einzelner mehren. So wird der Mensch innerhalb einer derart erkrankten Kultur zu besessenem Herrschaftsstreben verleitet. Diese Rolle hat seit geraumer Zeit der Neoliberalismus übernommen. Rattner fragt nun, ob nicht auch ganze Kulturen neurotisch oder gar psychotisch entgleisen können, wie wir dies für Individuen diagnostizieren.

Mit Bezug auf Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“ bejaht Rattner dies ebenso wie Freud. Als eines der kulturellen Wahnsysteme streicht Freud etwa die Religion heraus. Ebenso wurde Erich Fromm zum Kulturdiagnostiker und hob 1960 in einer Schrift hervor, dass der moderne Mensch in der Frage des „Haben oder Sein“ sich für das Haben entschieden hat. Alfred Adler (1870 bis 1937) bescheinigte dem Menschen ein anthropologisches Kleinheitsgefühl, dem er nur durch soziale Beitragsleistungen und Wertsteigerung der Person und der menschlichen Gemeinschaft Sinn fördernd entgehen kann.

In der kranken Kultur wird er jedoch leicht zur Selbsterhöhung durch Infektion mit dem Virus der Machtgier verleitet. Diesen Befall „erkennen wir nicht nur in den Disparatheiten des individuellen Lebens, sondern auch in kollektiven Tragödien wie einer egoistischen Wirtschaft, nationaler, religiöser und rassischer Überheblichkeit, Aufrüstung und Krieg und mangelhafter Zusammenarbeit in großen und kleinen Dimensionen“ (3). Aktuell spiegeln sich diese Zusammenhänge in der Flüchtlingspolitik wie auch im Umgang mit der Corona-Pandemie wider, in denen nationale und neoliberale Wirtschafts- und Machtinteressen dominieren.

Wie der Geldkomplex die Struktur der Religion hat, wie Norman O. Brown in seinem Buch über Zukunft im Zeichen des Eros aus dem Jahr 1959 beschreibt, so hat auch der Hype um eine bestimmte technologische Entwicklung, die gleichsam zum Götzen wird, eine Art Untergott unter der Oberherrschaft von Geld und Macht.

Ohne Rücksicht auf mögliche langfristige Folgen soll ihre Durchsetzung das Heil bringen — vor allem aber Geld und Macht einiger weniger steigern, sodass sie dann ihren größenwahnsinnigen Zielen frönen können.

Was etwa ist der kulturelle Wert für die Menschheit, wenn ein paar Millionäre ein paar Minuten im All verbringen? Und das angesichts der erdrückenden sozialen Probleme auf der Erde, der weitverbreiteten Armut, die Potenziale menschlichen Seins vernichten oder gar nicht erst sich entfalten lassen! Der elfminütige Flug mit Bezos „Blue Origin“ kostete 28 Millionen Dollar und Elon Musk bietet Flüge für Anfang 2022 zum Preis von 55 Millionen Dollar an (4). Und es soll billiger werden, wobei der CO2-Ausstoß, der ja vermindert werden soll, um die Menschheit vor der Klimaerwärmung und dessen Folgen zu retten, exorbitant ist. Das Schönrechnen mit dem Antriebsstoff Wasserstoff hilft da auch nicht weiter, da wir grünen Wasserstoff für den globalen Energiewandel dringender benötigen (5). Den diversen Egozentrikern ist dies aber schlicht egal.

Größenwahn taucht in der Geschichte immer wieder auf

Wie der Feudalismus sich riesige Baudenkmäler setzte und Kriege führte auf Kosten der Menschlichkeit, so frönt der heutige Geldadel seinen Hobbys, erwirbt die Geldmittel dazu durch moderne Sklaverei. Und die Lämmer schweigen (6)! Die Begeisterung und Lobhudelei ob solchen Unsinns ist der moderne Götzendienst. Waren es zu vorlutherischen Zeiten die dumm gehaltenen Massen, denen das Eiapopeia im Himmel in lateinischer Sprache vorgeleiert wurde, so werden heute die Bildungssysteme kaputt gespart, um die notwendigen Konsumtrottel für das Ressourcen vernichtende kapitalistische „Wirtschaften“ zu „produzieren“.

Da die Einstellung, nicht mehr nur in den westlichen Kulturen, zum Geld und der Kotau der Menschen vor dem Mammon und deren Priestern Züge wahnhafter Fixierung tragen, muss befürchtet werden, dass dies in die Zerstörung der menschlichen Kultur mündet.

Nun fragt Rattner nach den Grundzügen der Wahnkrankheit und findet die Auskunft der Psychiater, die dafür hauptsächlich genetische Ursachen verantwortlich machen, nicht hinreichend. Hier liefert uns die Philosophie tiefgründigere Überlegungen, besonders die Phänomenologie.

Fündig wird er bei Max Scheler, der eine gesunde Wahrnehmung und Realitätsprüfung mit dem Wertekanon des Menschen in Verbindung brachte. Anders gesagt: Der Mensch nimmt nur wahr, was er als Wert erkennt. Biologische, traumatische oder lebensgeschichtliche Einschränkungen oder Verletzungen können zu Wertblindheit und damit zur Verkennung des mitmenschlichen Zusammenhalts führen. Dieser Mensch sieht sich einer entleerten Welt gegenüber, die er möglicherweise mit „Halluzinationen und Wahngedanken bevölkert“, so Rattner (3).

Nun erkennt nach Scheler der Mensch Werte mit dem Gefühl als dem Werterkennungsorgan. Die Schwierigkeit besteht nun darin, welche Rangordnung er der Wertewelt zumisst. Nach Arthur Schopenhauer und Nicolai Hartmann sind die höchsten Werte Personwerte. Schopenhauer fragte nach dem, was einer hat, was einer vorstellt und was einer ist. Dabei ließ er keinen Zweifel daran, dass nur letzterer ein überdauernder Wert sein kann. Menschen können Besitz verlieren und Rang und Namen können ihnen schnell abhandenkommen, wenn die Gesellschaft andere auf den Podest hebt.

Nach Scheler sind die hohen und höchsten Werte „Liebe, Solidarität, Mitleid, Vernunft, Selbstverwirklichung und Freiheit der Person“ (7). Das heißt aber auch, dass nur solche Werte das Gefühlsleben wachsen lassen. Im Materiellen und in der Hypostasierung des Digitalen sind diese Werte jedoch nicht präsent. Sie gedeihen nur in der zwischenmenschlichen Begegnung. Und gerade die wird mit der Überbewertung der Digitalisierung ausgedünnt oder sogar abgeschafft. Wo in der sogenannten Wirtschaft der Mensch zu „Humankapital“ verkommt, wird er in großen Teilen der digitalen Welt zum Datenlieferanten mit allen entpersönlichenden Folgen (8).

Der Säuglingsforscher Daniel Stern (9) sprach von „Now-Moments“, die sich in der Interaktion zwischen Säugling und Bezugsperson ereignen, wenn die Einfühlung des Erwachsenen in die Bedürfnislage des Säuglings gelingt. Hier stellen sich Glücksmomente der Empathie ein, welche wiederum die Grundlage für die Entwicklung eines reichhaltigen Gefühlslebens bilden. Solche „Now-Moments“ ereignen sich in der zwischenmenschlichen Interaktion ein Leben lang, haben jedoch zur Voraussetzung, dass wir uns in einem intensiven und nahen Austausch befinden.

Die Entleerung zwischenmenschlicher Begegnung durch eine übertriebene Digitalisierung führt hingegen zu emotionaler und empathischer Verkümmerung, ähnlich wie die Überbewertung materieller Güter.

Erschreckend dabei ist, dass dies alles nicht neu ist und schon vielfach beschrieben und angemahnt. Dennoch setzt sich der Götzendienst am Materiellen immer wieder durch. Das mag mit der grundsätzlichen Offenheit des Menschen zu tun haben, die ihn verletzlich macht, ihn die Kompaktheit und Festigkeit des Materiellen bewundern lässt, so Sartre, (1991 [1943]). Die andere Seite ist die Heilserwartung durch etwas Größeres, Übermenschliches, wobei wir wieder bei religiösen Weltbildern wären. Und möglicherweise ist es diese Heilserwartung, die den Menschen in der modernen Welt sein Heil in der Digitalisierung suchen lässt.

Die einen materialisieren diesen Heilswunsch in Form von Geld, die anderen wähnen sich in sozialen Kontakten zu sein, wenn sie möglichst viele Follower auf Facebook, jetzt Meta, haben. Die emotionale und Sinn-Entleerung mündet immer häufiger in Depressionen. Diese Fixierung auf die niederen Werte führt zu vielfältigen seelischen Erkrankungen, die ja auch als Geisteskrankheiten bezeichnet wurden und bis in manifeste Wahnkrankheiten münden können. Interessanterweise war dies Spinoza (1633 bis 1677) schon bekannt, der im Jahr 1678 in seiner „Ethik“ bereits die Folgen beschrieb, wenn der Mensch fixiert ist auf seine niederen Affekte:

Es gibt viele Menschen, denen „ein und derselbe Affekt hartnäckig anhaftet. Denn wir sehen, daß Menschen manchmal von einem Gegenstand so erregt werden, daß sie denselben vor sich zu haben meinen, obgleich er nicht gegenwärtig ist; was, wenn es im wachem Zustand vorkommt, den Betreffenden als irrsinnig oder verrückt erscheinen läßt. (…). Wenn aber der Habsüchtige an nichts anderes denkt als an Profit oder Geld, der Ehrgeizige an Ruhm usw., so hält man diese für nicht irrsinnig, weil sie gewöhnlich lästig sind und für hassenswert erachtet werden. In Wahrheit aber sind Habsucht, Ehrsucht, Lüsternheit usw. Arten des Irrsinns, obgleich sie nicht zu den Krankheiten gezählt werden“ (10).

Heute können wir, an die Zeit angeglichen, die aktuellen Fixierungen nennen, die zum Wahnsinn disponieren: Atombomben, Atomkraftwerke, Autoverkehr, grenzenloses Macht- und Gewinnstreben unterschiedlichster Art, ausbeuterische Land-„Wirtschaft“ — und eben besinnungslose Digitalisierung. Und sollten dann größenwahnsinnige Trampel an die Macht kommen oder „wirtschaftliche“ Macht gewinnen, hat uns die Geschichte immer wieder gelehrt, in welche Untergangsszenarien das führen kann. Immerhin ein Trost: Totalitäre Systeme gehen irgendwann zugrunde.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Rattner, J. (2001): Geld, Macht und menschliche Psyche, Zeitschrift für Sozialökonomie 131/2001, S. 16 bis 23
(2) Z. B. Zuboff, S. (2018): Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Campus
(3) Rattner, 2001, S. 20
(4) https://www.dw.com/de/jeff-bezos-flug-ins-all-kommerzielle-space-cowboys-greifen-nach-den-sternen/a-58320416, 30. Dezember 2021
(5) https://www.t-online.de/nachhaltigkeit/id_90480576/raketenflug-von-amazon-gruender-jeff-bezos-weltraumurlaub-kostet-mehr-als-nur-geld.html, 30. Dezember 2021
(6) Mausfeld, R. (2021): Warum schweigen die Lämmer, Westend Verlag
(7) Siehe Scheler, M. (1980): Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik, sechste, durchgesehene Auflage, Francke Verlag
(8) Kuck, B. (2021): Der gläserne Patient, Rubikon, https://www.rubikon.news/artikel/der-glaserne-patient
(9) Stern, Daniel, N. (2003 [1985]): Die Lebenserfahrung des Säuglings, Klett-Cotta achte Auflage
(10) Spinoza, B. (1987): Ethik, 3. Auflage, Röderberg, S. 257

Literatur:

  • Fromm, E. (1960): Haben oder Sein, dtv
  • Sartre, Jean-Paul (1991 [1943]): Das Sein und das Nichts. Erste Auflage der Neuübersetzung. Rowohlt Verlag
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Bernd Kuck

Bernd Kuck, Jahrgang 1954, absolvierte eine Ausbildung in Tiefenpsychologie und Großgruppentherapie. Er war in einer Privatpraxis in Berlin und Bonn tätig, bildete sich in Psychoanalyse und leibfundierter analytischer Psychotherapie fort und ist seit 1998 in einer eigenen Praxis in Bonn niedergelassen. Zudem ist er Lehrtherapeut an der KBAP Bonn und am Institut für Psychotherapie und Psychoanalyse Rhein-Eifel. Er verfasste Beiträge für
„Psychoanalyse & Körper“ und schreibt gerne Buchbesprechungen. Weitere Informationen unter buchbesprechungen-psychotherapie.de.

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Jugend

Die Stadt Lahr führt mit einem Jugendtelefon eine niederschwellige Anlaufstelle für Jugendliche ein.

Ab Montag, 17. Januar 2022, wird das Jugendtelefon in Lahr montags und donnerstags von 16 Uhr bis 19 Uhr erreichbar sein. Junge Menschen aus Lahr und Umgebung haben so eine anonyme Möglichkeit, sich mit ihren offenen Fragen und Sorgen an örtliche Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter zu wenden.

Erreichbar ist das „Jugendtelefon Lahr“ unter der Nummer: 0157 / 8051 2033. Die Kontaktaufnahme kann zu den genannten Zeiten auch über den Instagram-Account jugendtelefon_lahr erfolgen. (Obiges ist den Pressemitteilungen der Stadt Lahr im Schwarzwald entnommen)

SEI!!!https://youtu.be/tnuW6Xn2ChA

ZypernPsema

Der gute Herr Arnold Hottinger, ein Schweizer, kommt heute dran. War doch mal fällig. Ee eignet sich bestens dafür, sich anzuhören am Anfang eines wahrscheinlich entscheidend wichtigen Jahres für die Türkei – und überhaupt, für die 3-4 Länder am südöstlichen Mittelmeer gelegen -, was damals von einem, wie man sagt, ausgewiesenen Experten des Nahen Ostens von sich gegeben wurde zu Zypern und der Türkei, versteht sich, in kurzen prägnanten Auszügen. Das Buch, aus dem zitiert/gelesen wird, war wohl Hottingers letztes.

Hier nun zum Link!

Ach ja, ZypernPsema gibt es dieses Jahr jeden ERSTEN MONTAG eines MONATS: https://youtu.be/oxLCOxXzUl4

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