Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘aleviten’

Turbulente Zeiten. Wer steht zu wem und wann?

Der größte Teil der türkischen Bevölkerung darf getrost als Sunniten bezeichnet werden – auch wenn viele mit Religiosität ansonsten wenig am Hut haben. Doch wenn von türkischer Bevölkerung gesprochen wird, muss selbstverständlich etwas differenziert werden. Es gibt Kurden und so.

In Nordzypern wird ein Ableger der kurdischen PKK beschuldigt, dort auf diesem Inselteil neuerdings besonders aktiv zu sein. Der Außenminister Ozgürgün Nordzyperns leugnet indes jedwede Verbindung zu dieser Organisation (KCK) und spricht von Rufmord, den die Vatan Zeitung aus der Türkei ihm gegenüber betreibe.

Die Aleviten der Türkei sind nicht zu verwechseln mit den Aleviten in Syrien, die mit Assad dort an der Macht sind. Erstere, im Gegensatz zu Assad und Co, sind zwar überwiegend Kurden, irgendwie, aber halt Kurden mit dieser speziellen Variante in puncto Glauben, der irgendwo zwischen Islam und den Zarathustrieren Irans anzusiedeln sein soll.

Wie hier auf dieser Web-Seite vor noch nicht all zu langer Zeit berichtet wurde, haben die Aleviten im Norden Zypern neuerdings ein Problem, und zwar im Dachverband der türkisch-stämmigen Organisationen auf Nordzypern. Ihr Vorsitzender Huseyin Kurd ist der Meinung, dass alevitische Werte nicht mehr widergespiegelt würden in dieser Organisation (HAK), so dass es nahe gelegen wäre, besser auszutreten. Mal davon abgesehen, dass Tayyip Erdogan persönlich vor kurzem eingestanden hat, dass sich die Republik Türkei gegenüber ihren Bürgern alevitischen Glaubens in Dersim/Tunceli einst nicht korrekt verhalten habe und sich für die an ihnen begangenen Morde entschuldigte, kann die Türkei offensichtlich noch immer nicht einen Schlussstrich unter das Problem mit den Armeniern ziehen. Frankreich ist da gerade ziemlich kontraproduktiv unterwegs, was dieses Thema angeht. Morgen soll das französische Parlament nämlich darüber entscheiden, ob unter Strafe gestellt wird zu sagen, es habe kein Massaker an den Armeniern damals gegeben im Osmanischen Reich.

Kontraproduktiv ist dieser Vorstoß aus mehreren Gründen. Zum einen hatte es den Anschein, als könnte sich Ankara in absehbarer Zeit zu einer Lösung des Uralt-Konflikts mit den Armeniern irgendwie durchringen demnächst. Und zweitens öffnen sich nun einige seltsamen Türchen durch diesen neu entstehenden diplomatischen Streit, die schlechtestenfalls zu dem einen oder anderen beinharten Konflikt woanders auf der Welt führen könnten – zum Beispiel in Syrien, Iran, Libanon. Denn die stolze Republik Türkei ist scheinbar nicht gewillt, mit so einem Affront Frankreichs zu leben. Sie ihrerseits wird nun Leute, die behaupten, Frankreich habe in Ruanda und Algerien seinerzeit keinen Massenmord begangen, einbuchten. Die diplomatischen Beziehungen liegen somit auf Eis demnächst zwischen Paris und Ankara. Die Zusammenarbeit in und wegen Syrien ist gefährdet. Die Frage ist also, warum gerade jetzt?

Dass die Kurden inzwischen aktiver als sonst sich an der Oberfläche bewegen, zeigt unter anderem auch die Lage im Irak. Dort, seit die USA vor einigen Tagen die Koffer gepackt hat, wird der Eindruck vermittelt, dass die kurdischen Provinzen des Irak eigentlich schon in einer Art Autonomie, ja, einem Staat im Staat leben – ihr Kurdistan demnächst ausrufen könnten. Der Widerhaken an dieser Sache ist allerdings der Glaube derselben. Denn die Kurden des Irak sind Sunniten und Schiiten. Die meisten unter ihnen sind allerdings Sunniten. Die Kurden im Iran sind überwiegend Sunniten, doch bekanntlich ist das iranische Regime unter Ahmedinejad ein schiitisches. Und Ahmedinejad ist eine der Mächte, nachdem, was Ankara inzwischen laut hörbar vermutet, welche der türkischen Variante der Hizbullah zu neuer Stärke und Einfluss verhilft. Das Problem ist, die Türkei scheint das Erstarken der Hizbullah im Südosten des Landes erst allmählich mit zukriegen. Genauer ist das der Fall, seit sich die Freundschaft der Türkei zu Syrien und dem Iran in Nichts aufzulösen begonnen hat. Dass der türkische Staat zu diesem Erstarken der Hizbullah seinerzeit sehr wohl auch beigetragen hat, als man diese Organisation gegen die PKK in den mehrheitlich von Kurden bewohnten Provinzen ziehen ließ, liegt vor der Zeit der AKP Erdogans und Güls und wird von den beiden daher auch nicht weiter als Hindernis für die nun betriebene Politik gesehen. Und diese ist, dass sich die ebenfalls eher schiitisch geprägte Hizbullah der Türkei mit der sunnitischen Mehrheit der Türkei und somit mit der Regierungspartei AKP anlegt. Versteht sich, dass diese Organisation nun nicht wie damals gegen die PKK mobilisiert werden kann von der Regierung – nicht bei dieser Lage. Und die Lage ist unter anderem und auf regionaler Ebene, dass Ankara entschlossen zu sein scheint, Qatar die Führung im Arabischen Raum streitig zu machen – oder zumindest so weit wahrgenommen werden möchte, dass es als wirkliche Alternative zu Qatar, Ägypten und vielleicht noch Saudi Arabien angesehen wird. Letzteres gerne auch vom so genannten Westen und anderen Players wie China, Indien, Brasilien etc.

Es steht also Einiges auf dem Spiel. Sarkozy könnte sich gedacht haben: Ach, was solls, die Wahlen müssen gewonnen werden und die Türkei will ich eh nicht in der EU. Die Merkel will das auch nicht. Außerdem haben wir eh noch eine historische offene Rechnung, nämlich Syrien. Die Türken haben uns unsere Position dort damals ziemlich vermasselt. Außerdem, könnte er denken, muss die Hizbullah im Libanon sowieso aufgemischt werden, irgendwie und bald. Und da liegt es doch nahe, dass die Türkei in die Presche springt, versteht sich, so, dass französische Hände sauber bleiben. Erdogan könnte denken: Euch zeig ichs. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo wir abrechnen können mit den arroganten Fratzen in Avrupa (Europa). Wir machen die Hizbullah bei uns in derTürkei zuerst klar und dann geht’s gleich weiter in Syrien und dem Libanon. Wäre doch gelacht, wenn wir es nicht schafften, in der Region einen sunnitischen Block zu schaffen – von Marokko bis nach Tscheschenien über die Türkei.

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass eine Türkei, die vor noch nicht all zu langer Zeit mal schnell über die Grenze in den Irak gegangen ist, um einige PKK Terroristen mal wieder zu erledigen oder zu schnappen, und um ihre Positionen dort auszubessern und dergleichen, nun als nächsten Schritt nicht die PKK im Lande, sondern die viel größere Gefahr, die türkische Variante der Hizbullah, aufräumen geht. Die PKK und ihre Mitstreiter sind zwar nicht zu unterschätzen als Störfaktor. Doch sind viele unter ihnen wie eh und je untereinander viel zu zerstritten und am schnellen, eigenen Vorteil inzwischen eher interessiert.

Kann gut sein, dass Zypern davon mit blauem Auge davon kommt – wäre da nicht die andere Seite der Medaille: EU und die so genannte Krise. Zuletzt: Immer mehr Griechen gehen als Gastarbeiter in die Türkei. Beliebt ist sie unter ehemaligen Piloten der griechischen Armee, die nun für zivile Unternehmen der Türkei ihre Dienste eben dort anbieten. Wer tut was mit wem, wann?

Read Full Post »