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Edle Schlepper?

„Die Deutschen kaufen Immobilien wie wild. Die Steuereinnahmen sind dieses Jahr so hoch wie noch nie.“ So ungefähr hört sich das an, wenn man den Radio anmacht. Und dann kommt danach wie immer das Gejammer der Flüchtlinge wegen, die von bösen Schleppern auf schlechten Schiffen gen Europa geschickt werden, und dies zu viel zu hohen Preisen.

Europa, insbesondere Deutschland, verkauft ja nicht erst seit gestern Waffen an Länder, an die man so etwas bestens nicht verkaufen sollte. Betreibt eine Außenwirtschaftspolitik im Verbund mit den restlichen EU-Ländern, die dort, wo die meisten Flüchtlinge herkommen, so richtig ‚toll‘ einschlägt, so toll nämlich, dass diese Leute ihr bisschen Nichts zu Hause zurücklassen, um endlich dort hin zu fahren, wo all das NICHTS ihnen vorrangig mitbeschert wurde. Frage: Wer ist hier bitte sehr der böse, kriminelle Schlepper?

Die Schlepper, von denen in den Medien und aus den Mündern der Politiker die Rede ist, bleiben vorerst eine unsichere Beschreibung des Phänomens. Denn es gilt durchaus zu fragen, inwieweit man denn die Mittätterschaft als Mittätterschaft zu ahnden gedenkt. Es wird hier mal folgende Überlegung konstruiert:

So ein Schlepper kam zum Beispiel in Gambia auf die Welt als Sohn eines Bauern, der viel zu viele Kinder in die Welt setzt, ansonsten nicht gerade mit viel Bildung und Interesse beschlagen ist, genau dies zu ändern. Dieser Sohn dieses Gambianers hat dann mit 15 Jahren verstanden, dass Bob Marley womöglich auch nur ein Konstrukt war und ist, und dass er ihn aus seiner Misere insofern heraus bringen könnte, da er glaubt, aus seinen Liedern verstanden zu haben, was denn dieser „Buffalo Soldier“ sein soll, von dem der Marley singt. Es wurde ihm von Bekannten gesteckt: Hey, das bist eigentlich du. Also nicht so wirklich, aber so ungefähr, weil mit dem Soldier war gemeint, dass die Schwarzen, die irgendwann vor langer Zeit unter anderem aus Gambia nach Amerika verkauft wurden, von den Weißen wie auch von Schwarzen und anderen, den Arabern, die kämpfen jetzt in der Welt für Onkel Sam, verdienen damit ihr Geld, erhalten so ein bisschen mehr Würde, Anerkennung und Freiheit – ja, die transportieren sogar Kultur.

Und so hat dieser junge Mensch aus Gambia also auch das Wort Kultur zum wahrscheinlich ersten Mal in seinem Leben gesteckt bekommen, denn bei ihnen zu Hause, da gibt es die zwar auch, doch die wurde eher Tradition genannt. Er hatte nun verstanden: Kultur war mehr als Tradition. Kultur formt offenbar aktiver, also schloss er sich dem erst besten kulturellen Strom an, der ihm über den Weg lief, genauer in Sicht kam, und zwar auf dem Bildschirm bei den Nachbarn in deren Fernseher, wo sie sich ansahen, wie die Weißen in etwas wie Europa leben.

Die leben in Kultur, hörte er seine heimliche Liebe, die oft neben ihm saß vor dem TV, sagen, die er nie heiraten würde können, weil sie konnte ja schreiben und lesen und er, er hatte nur 2 Hände und 2 paar Beine mit Füßen dran. Und die setzte er daher in Bewegung nach Richtung Libyen. Taten doch anscheinend alle. Bei Gaddhafi malochen, Arabisch lernen, Soldat sein, eine Waffe tragen – Buffalo Soldier sein eben.
Kaum, dass er im gelobtem Land vor dem noch gelobteren Kontinent namens Europa angekommen war, wurde Gaddhafi vor einer laufenden Kamera umgebracht. Immer und immer wieder sah er sich die Bilder an. Die Kultur, schloss er daraus, kannte also auch Momente, die zumindest als Leerstellen bezeichnet werden können, dachte er.
Nun was tun?
In Libyen gefährdet, weil von Teilen der Bevölkerung gehasst als einer der Mörder, die für Ghaddafi mordeten; und nach Gambia zurück, wo er noch immer der, der er war, als er gegangen worden war, wäre, war keine Option.
Verdammt, das mit der Kultur war aber gar nicht so einfach zu verstehen. Denn die Welt der Kultur war offenbar gespalten: das was den einen Kultur war, war den anderen Scheiße, dachte er. Also entschloss er sich diesmal für das weit Entlegenste, weil er spürte, es ging irgendwie schon wahrscheinlich demnächst um ALLES. Und wenn das der Gegenstand des Interesses war, dann konnte doch wohl auch nur so ein total von ihm entfernter Entschluss die 1, die er ja war, einigermaßen gleichwertig ausfüllen zu einer weiteren 1, die, so viel Mathematik hatte er schon längst mitbekommen trotz Leben auf den Straßen und in den Feldern, dann mit einander addiert zu einer 2 werden könnten, denn der 2, der bedurfte es doch, wenn er von Afrika, einer weiteren 1 in einer weiteren Rechenaufgabe, übers Meer, nochmals eine 1, nach Europa kommen wollte, zur 2.

Diesem Gambianer war aus sicherer Quelle eines Marabu, also Wahrsagers, gesagt worden, dass die Drei auch in seinem Leben eine wichtige Zahl ist. Und da er bis Tausend und mehr zählen konnte, begann er mit der Drei in seinen Gedanken zu spielen und eines Tages bestätigte sich seine Annahme, dass Europa wohl die beste Wahl ist, weil 2, also Europa, und erneut er als 1 unweigerlich zusammen addiert 3 ergeben.
Doch das war leichter gedacht als getan.
Denn Libyen war und ist nun wirklich kein Eisschlecken. Er als Gambianer, der die Araber irgendwie mochte, vor allem die aus den Wüstengegenden, eignete sich ihre Sprache wie im Flug an, er tat, was Libyer tun, aß und trank wie sie und war schon bald so gekleidet. Er entschloss sich für die traditionellere Kleidung, die Djallabia. Mit Mandinka und ein paar anderen afrikanischen Sprachen, die in Gambia gesprochen werden, stückweise ausgestattet, wies man ihm den Weg in eine Art Gegenkultur. Er wurde das, was sie in Deutschland Schlepper nennen. Die Erkenntnis, dass er sich nun endlich als etwas wie einen Buffalo Soldier verdingt hatte, freute ihn. Bob Marley, was genau auch immer der damit meinte, als er vom Dread-lock Rasta, der für Amerika kämpft, sang, war für diesen Gambianer mit seiner Message offenbar durchgedrungen: Nicht zwingend durch die Institutionen gehen, ja auch, aber zuerst präsens zeigen. Zuerst dafür sorgen, also, dass ganz viele Leute aus Afrika dort hinkommen, wo all das Böse, wie dieser Gambianer inzwischen gelernt hat, gedacht, getan und geplant wird. Egal, wieviele Leute aus Afrika vergewaltigt, totgeschlagen, eingesperrt, gequält werden. Es werden alle Male weniger sein, als wenn man diese Leute dort in Europa nicht mit afrikanischen Köpfen flutet. Wichtig ist, wurde ihm gesagt, dass demografisch etwas passiert. Denn wenn diese Leute (1) mehr oder minder alle mit Afrika eine verwandschaftliche Beziehung haben (1), erst dann kann in Afrika und wahrscheinlich auch andernorts (1) so was wie Wohlstand und länger anhaltender Friede eintreten (3).

2013-03-21 09.17.59

Dieser Gambianer, der nun ein Libyer ist, findet, er tut ein gutes Werk, jedenfalls ein Besseres als diejenigen, die in dicken Autos rumfahren, die Welt nach Rohstoffvorhaben betrachten, von Menschenrecht und Umweltschutz reden und die Welt verpesten mit einer Profitdenke, die wahrscheinlich nur noch afrikanischer Gleichmut, was auch immer das ist, wieder ins Lot bringen kann auf lange Sicht. Dieser Gambianer ist der nicht so was wie ein edler Schlepper? Robin Schlepper!!!

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