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Und was schreibt denn eigentlich die Cumhuriyet zu den Ereignissen in der Türkei. Immerhin hat sich das Establishment in Ankara dazu entschlossen, den kleinen, quirligen Außenminister Davutoglu zum Ministerpräsidenten zu küren, oder wie man es nennen darf. Und eben auch daher ein paar Zitate aus der Cumhuriyet, die sich mit Recht als eine Zeitung der türkischen Opposition sehen darf – ansonsten ist in der Türkei nicht mehr all zu viel Opposition übrig geblieben und wird gewiss noch etwas weiter schrumpfen:

„Die Reaktionen der Opposition bezüglich der Kandidatur von Außenminister Davutoglu zum Ministerpräsidenten durch den Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan halten an. Der Vizepräsident der CHP, Faik Öztrak, verkündet, Davutoglu sei nicht gewählt, sondern auf den Posten berufen worden. Davutoglu hat die ISIS hochgezogen, als deren geistigen Vater und schaute dabei zu, wie diese Terrorgruppe 49 türkische Landsmänner als Geisel festhält im Norden Iraks. So einer ist nun also an die Spitze der Regierung berufen worden. Oktay Vural von der MHP sagte: In der Türkei hat das Umtopf-Modell der Ministerpräsidenten begonnen!“ [Womit die nicht-demokratische Art und Weise der Besetzung des Postens gemeint sein dürfte].

Toprak von der CHP sagt über Davutoglu: In der Außenpolitik hat er unser Land zum Unterauftragnehmer der Terrorgruppe gemacht. So einen zum Ministerpräsidenten zu berufen, bedeutet, dass diese Politik der Subunternehmungen weiter geht. Davutoglu ist derjenige, der all das, was in der Außenpolitik gewonnen worden ist [gute Beziehungen mit den Nachbarn ist gemeint], in den Sand gesetzt hat, als derjenige wird er auch in die Geschichte eingehen. Jetzt kommt [offenbar] die Innenpolitik dran [beim Kaputtmachen]. Er wird das Land jetzt innenpolitisch flachlegen, so wie er es in der Außenpolitik getan hat. CHP Abgeordneter Atilla Kart aus Konya [das ist die Provinz, aus der Davutoglu kommt, dem Städtchen Taskent, wo nach Berichten der TürkInt von gestern der größte Teil der Bevölkerung wie nach einem gewonnen Fußballspiel durch die Straßen ziehend zu sehen gewesen ist, und Dank und Glückwunschbekundungen an den neuen Ministerpräsidenten zuhauf zu hören waren, einem von ihnen] sagt, es widerspreche der Verfassung, wie Davutoglu in sein neues Amt kommt: „Ich schlage Herr Davutoglu vor, um kein Chaos entstehen zu lassen, gleich von Anfang an, die Verordnungen zu prüfen und dann daraus seine Schlüsse entsprechend zu ziehen!“

Sieht alles nach einem abgekarteten Spiel aus, könnte man meinen. Dass Prof. Dr. Davutoglu – der, sagt die TürkInt habe die Frankfurter Allgemeine geschrieben, sehr gut Deutsch, Englisch und Arabisch spricht – wohl doch nicht politisch die große Leuchte zu sein scheint. Für den Mann aus kleinen Verhältnissen war der Sprung ins ganz große Amt vielleicht einfach doch zu verlockend, um die Fallstricke erkennen zu wollen – denen er sich wahrscheinlich gewachsen sieht. Nun, diese Fallstricke sind zweifelsohne, dass er sich – wenn die Anschuldigungen der Oppositionsparteien zutreffen – in eine Art rechtsfreien, bzw. rechtsbrecherischen, Raum begibt, derart seine Stellung als Ministerpräsident gleich von Anfang an schwächt, beziehungsweise schwächen lässt, und zukünftig daher gewiss noch mehr als einmal zähneknirschend den Zielvorstellungen seines Zaubermeisters, Erdogan, wird zustimmen dürfen. Erdogan ist ja bereits feste damit beschäftigt, die Verfassung zu retouchieren, damit dem neuen Präsidenten der Republik Türkei, also Erdogan, Rechte zukommen, die den ehemals starken Posten eines Ministerpräsidenten entsprechend revidieren, außer Kraft setzen.

Die erste Auslandsreise des neuen Präsidenten, Erdogans, wird nach Nordzypern sein. Danach soll es dann sogleich nach Azerbaycan gehen. Soweit, so gut. Die Frage ist, wohin geht er danach? Ok, er könnte noch nach Türkmenistan ausweichen oder gar nach Özbekistan, doch spätestens dann hat der neue Präsident sozusagen Farbe zu bekennen. Die Lage genauer in Betracht nehmend, würde nicht verwundern, wenn er und sein Beraterstab so unerwartete kluge Dinge täten, wie zuerst nach Albanien zu reisen, dann womöglich nach Mazedonien um schließlich, sozusagen triumphal, in Athen einzureiten. Man darf also gespannt sein.

Emre Kongar, Urgestein der Cumhuriyet-Zeitung, der vielleicht einzig wirklich verbliebenen Opposition im Lande schreibt:
„Nach dem klar geworden war, dass Erdogan zum Präsidenten gewählt werden würde, alles Verfassungsrecht außer Kraft setzend, indem er bis zu jenem Zeitpunkt Ministerpräsident und Vorsitzender der Partei, AKP, geblieben war… .
Davutoglu sagte in seiner Dankesrede: … ’soll niemand daran zweifeln, dass die 12 Jahre Restoration, die wir verwirklichten, jetzt zu Ende ginge – sie wird weitergehen‘.
Davutoglu ist ja ein Politiker mit akademischem Hintergrund… Kein Zweifel besteht, dass er der Öffentlichkeit im Ausland durch das Verwenden des Wortes „Restoration“ eine Nachricht übermitteln wollte. Restoration bedeutet in der heutigen Sprache „Erneuerung“, also, „einen alten Zustand erneuern“. Nun, was restoriert die AKP denn, was wird so wie einst wiederhergestellt, was wird Davutoglu neu, aber, wie gehabt weiterführen?
Kurz mal nachgesehen, was das Wort in der Wissenschaft denn eigentlich bedeutet. Bei den Historikern und Politikwissenschaftlern bedeutet es, verkürzt gesagt, ein durch einen Krieg, einen Aufstand, eine Revolution oder einen Putsch niedergekommenes Regime von neuem zu kreieren….

All das bedarf keiner weiteren Worte: Davutoglu meint damit die 12 Jahre AKP-Herrschaft, und dass das seine Aufgabe ist, die „Restoration“ dieser Zeit zu erledigen…. .“ Das heißt, die 12 Jahre werden mal kurz geschluckt, oder so, und jetzt beginnt die wahre Herrschaft der AKP?

Wer gestern TürkInt gesehen hat, wird vielleicht mitgekriegt haben, mit welcher Wucht der regierungsnahe Sender versucht, den Leuten auszureden, dass Davutoglu in seinem oft zitierten Buch zur politischen Lage der Türkei je von einem Wiedererrichten des Osmanischen Reiches auch nur gesprochen habe. Kann sein, so wie die beiden Journalistinnen behaupteten, dass er den Begriff Osamanisches Reich in diesem Kontext in seinem Buch nicht gibt, doch der Kontext selbst umreißt indes klar genau das, was man einst Osmanisches Reich bezeichnete – also einen großen Teil davon. Wenn es hier richtig erinnert wird, dann sind es vor allem die Gebiete des Osamnischen Reiches, die auf dem Balkan und der Arabischen Halbinsel liegen, die im Fokus standen der Analyse von Davutoglu, und die allgemein aufhören ließ und lässt. Das Buch wurde sogar ins Griechische übersetzt und, so, wie zu hören ist, gut verkauft.

Noch genauer betrachtet, passte das Konzept Osmanisches Reich durchaus in eine zukünftige, neue Grenzziehung des Nahen und Mittleren Ostens. Zwar wird das Osmanische Reich in seinen alten Grenzen nie wieder entstehen – und warum sollte es das auch unbedingt tun-, doch es könnten gewisse Politiken übernommen werden. Zum Beispiel, dass sich jemand wie die Türkei wieder als eine Art Führungskraft sehen darf und könnte, als Regionalmacht, und dass gewissen Volksgruppen, eben wie unter den Osmanen, wieder eine Art Autonomie zurückgegeben wird und dass – dafür quasi – die Religion zukünftig wieder eine zentralere Rolle spielt, um die Freidenker, Abweichler und Unruhestifter besser in Zaum zu halten – durch eine solche Art moralische Fessel. Das ist durchaus eine WIN-WIN- Angelegenheit, weil diese Intellektuellen und Querdenker werden dann weiterhin vom westlichen sozio-politischen Gegenentwurf, sozusagen, abgefischt werden können – man braucht ja auch schließlich junge Leute, die erwiesenermaßen kreativ sind und womöglich Kinder zeugen.

Insofern könnte das Kalifat der ISIS wahrhaft von langer Hand angelegt worden sein. Denn hat man die Welt erstmal daran gewöhnt, dass so ein Kalifats-Bedürfnis und -Ding überhaupt besteht, kann im nächsten oder übernächsten Schritt eine durch die sogenannten Groß- und Mittelmächte abgesegnete Variante eines Kalifats aufgesetzt werden, so wie man einst ja schließlich auch die Grenzen nahezu willkürlich im sogenannten Orient zog und hie und da ein Königreich, ein Sultanat, errichtete, die bekanntlich kräftig mithalfen, den Reichtum im sogenannten Westen zu befördern durch das Öl, welches man dort billig abschöpfen konnte und kann – und natürlich auch den Reichtum gewisser Eliten vorort.

Die Kurden hätten dann ihre Autonomie, der Westen der Türkei eine Führungsrolle und gemeinsam könnte man Teile Kurdistans in der Türkei prosperieren lassen zusammen mit dem Teil Kurdistans, der in Syrien liegt, und so ganz nebenbei hätten es die Sunniten vorerst geschafft mit Hilfe ihrer westlichen Helfer, die Schiiten etwas ins Abseits zu manövrieren.

Etwas schräg an dieser Rechnung ist aber, dass Pakistan, welches eine nicht unbeträchtlich hohe schiitische Bevölkerung hat und der Irak und der Libanon noch ein hartes Stück Arbeit erforderlich machen dürften, um diesen sunnitschen ‚Himmel‘ zu kreieren. Die syrische Lösung dieser anstehenden Konflikte ist hoffentlich nicht das, was der Welt ins Haus steht – weil das könnte sich ansonsten schnell noch bis nach Indien ausweiten, wo Sunniten mit Hindus zuweilen aneinander geraten und wo der Einfluss des Irans nicht unwesentlich ist, insofern Indien und der Iran auf dem einen und anderen Gebiet bereits hervorragende Beziehungen pflegen und nicht abgeneigt zu sein scheinen, jeweils die eine oder andere Karte im Ärmel zu behalten – im Fall Indiens, die Karte mit der guten Beziehung zum Iran und auch zu Israel.

Das Schisma, welches begann, als die Anhänger Alis und Husseins sich uneinig wurden über die Nachfolge der Führung der Muslime nach dem Tod des Propheten geht weiter und wie die Lage zu sein scheint, ist Konfrontation derzeit das Mittel, zu welchem gegriffen wird, anstatt Kompromiss. Über die Rolle der vielen christlichen Strömungen und der jüdischen müsste dringend noch etwas mehr gesagt werden an dieser Stelle, zumal spätestens mit Bush junior klar geworden ist, dass die einen globalen Einfluss ausüben – über Regierungen, Konzerne, Verkäufe, ‚Hilfen‘, Gesetzgebungen, Gremien, Organisationen etc.

Nun, leider ist die Welt längst nicht mehr so dualgestrickt (Schiiten/Sunniten; Westen/Dritte Welt etc.) wenn sie es denn je war. Die vielen muslimischen Bruderschaften (christlichen Sekten), die wie Pilze sprießen und das vor allem in Afrika und im Mittleren Osten haben schon längst ein weiteres Schisma angekündigt, für das noch keine Terminologie im Westen bislang in Umlauf geraten zu sein scheint. Werden sie gewalttätig, nennt man sie einfach Terroristen, das heißt, werden sie gewalttätig und gefährden dabei zu sehr westliche Interessen.

Insofern dürfte die Wahl der Türkei, ihren Weg hin zu einer osmanischeren Auslegung der Innen- und Außenpolitik zu bestreiten, gar keine all zu ungeschickte sein, da diese Wahl vor dem gezeichneten Hintergrund eventuell wirklich dazu verhelfen kann, für ein Jahrzehnt, oder so, das südliche Mittelmeer einigermaßen befriedet zu halten, dies, zumal auch dann, wenn das Projekt in Tunesien sich bewährt und das des sich reformierenden Königreichs von Marokko, die, wie die Türkei, als Art Blaupause dann herangezogen werden könnten für andere Länder.

Dass Davutoglu als neuer Ministerpräsident ein Zeichen seiner angeblichen oder wirklichen Macht setzen will, ist zu vermuten. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass er dafür einer Zypernlösung zustimmen kann, dies, weil die maximalistischen Forderungen der Griechischzyprer noch immer zu überzogen sind. Doch da die Krise offenbar langsam anfängt, in die tieferen Regionen der zyprischen Gesellschaft zu sickern und die alten Ausreden immer weniger Leute zufriedenstellen und auch immer mehr Organisationen, Investoren und Staatsoberhäupter direkt-indirekt darauf hinweisen, dass eine Lösung der Zypernfrage her muss, um in Zypern zu investieren etc., könnten sich wundersame Dinge hin zu einer Einigung entwickeln. Wollen wir hier angekommen mal den Pessimismus unterdrücken und gewiss wie Sie, verehrte Leser, fest daran glauben, dass vielleicht – so unrealistisch es auch klingen mag – schlussendlich sich was in Sachen Famagusta ereignen könnte. Famagusta ist einst der größte Hafen Zyperns gewesen, die reichste und prächtigste Stadt, die Perle des südöstlichen Mittelmeers – kann nachgelesen werden, steht so in den Geschichtsbüchern. Die ersten Messen der Orthodoxie wurden dort vor kurzem wieder gehalten – das bedeutet hier auf Zypern schon viel. Weil, um dort hin zu gehen, um an der Messe teilzunehmen, muss man schließlich in den Norden fahren, Ausweis vorzeigen und der Realität ins Auge schauen, was noch immer, wie hier schon oft bedauert, viele Zyprer sich weigern zu tun.

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