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Islamismus Türkei

Heute ist Maria Himmelfahrt. Das ist in der Republik Zypern ein Feiertag, wo die Mehrheit der Bevölkerung christlich-orthodoxen Glaubens ist. Es ist einer der wichtigsten Feiertage im Jahr, also so wichtig wie Weihnachten und so.

Gestern war für die Muslime der wichtigste Tag im Ramadan: die Nacht, in der der Prophet Muhammad die Offenbarung erstmals erhalten haben soll. Auf Türkisch spricht man von der kadir gecesi.

 

Gestern war ich in Gazi Magusa gewesen, eine Stadt im Norden Zyperns am Meer mit Hafen, welche auch Famagusta oder auf Griechisch Ammoxostos genannt wird. Habe mir dort erlaubt, in einem menschenleeren Cafe abends um 22 Uhr diesen Artikel aus der türkischen Zaman mitzunehmen, der von Naci Bostanci geschrieben wurde und am 13.08.2012 in der Zaman-Tageszeitung erschien, und zwar der zweite Teil ist das namens: “Islam, Islamismus, Politik.”

 

… Wichtig ist zu verstehen, wie die Islamismusdiskussion ausgetragen wird, in welchen Gesellschaftsschichten, auf welchen sozialen Geschichten diese Diskussion basiert – all das ist wichtig. Das Diskutierte hier bei Seite lassend zu diskutieren um dann Sinn aus der Angelegenheit zu machen, ist nicht leicht. In naher Zukunft wird in der Türkei der Islamismus jedenfalls noch mehr in der Literatur Einzug halten, was mit der pekunären Armut auf dem Lande zusammenhängt. Andererseits, wer sind die, die den Islamismus-Namen für sich beanspruchen? Der freie Gedanke, eine unabhängige, zivile Islamismusdiskussion zu führen, ist nicht allein Sache der Intellektuellen. Es muss sich dazu nämlich die sozio-politische Konstellation in einem Lande vor Augen geführt werden. Was die Türkei angeht, sind, wie in anderen islamischen Ländern, grob 2 Bereiche innerhalb der Intelligenzia anzutreffen: Eine vom Staat unterlaufene oder mitgeführte Verlagslandschaft, die aber relativ unabhängig vom Staat operiert in Universitäten. Das Ding daran ist, dass nicht erwartet werden kann, dass diejenigen in diesem Beruf tätig sind, freie Ideen produzieren, zumal die bürokratische Struktur, in dem das geschieht, selbiges nicht zulässt. Diejenigen, die im Verlagswesen arbeiten, haben sich dem Alltag anzunähern, sich der Sprache des Volkes zu nähern, sie unterliegen mehr oder minder zwangsweise einer gewissen Popularisierung ihres Schaffens. Das Handicap der Unis ist zudem, … , mit Schwierigkeiten konfrontiert, die in die Hände genommen gehören. Eigentlich vergrößert sich der Kreis der Leserschaft der freischaffenden Intellektuellen zusehends im Lande. Das hat damit zu tun, dass immer mehr Menschen Lesen und Schreiben können, mit der Modernität hat es auch zu tun, sowie der gegenwärtigen Entwicklung, dass die Leute nicht mehr ums Überleben ringen und sich zum Überleben vermehrt der Kultur bedienen, und die Ästhetik wie auch die Philosophie aufsuchen. Genau all das ist also der Ort, wo sich der Islamismus neuerfindet und meiner Meinung nach ist das der Rahmen, in dem die Zukunft der Türkei liegt. Diese Angelegenheit in einer Analyse festzuhalten, die Normen und Ergebnisse derselben, wird aber immer unzureichend ausfallen.

 

… Der ziemlich ausgeprägte Kontakt zum politischen Islamismus der AKP wurde nicht von derselben, sondern bereits 1994 von der Refah Partei unterbrochen (wenn man die Sache vom heutigen Standpunkt betrachtet). Seit jenen Tagen versucht die Milli Görüs ihre Wiederkehr ins politische Leben. Wer den Wahlerfolg der Refah Patrei 95 analysiert, wird Verschiedenem gewahr, nämlich, dass sie kein islamistisches, sondern ein laizistisches und sekuläres Parteikonstrukt aufweist. Das zeigen auch ihre Organisiertheit und die Parteiprogramme und Zeitschriften. Islamismus, kann gesagt werden, stammt aus dem gleichen Futter historisch besehen wie der Sozialismus und der Nationalismus. Letztere spalteten sich ab. Und der Islamismus hat sodann seinen eigenen Entwurf einer homogenen Gesellschaft erschaffen und in seiner Formel für die Politik eines Staates Gerechtigkeit und dass dieser Staat dem Bürger zu Dienste ist entwickelt. Letztlich, dass dieser Staat ein freier ist, der in der modernen Zeit sich anhand eigener Dynamik entwickelt. Das ist es, was als ziviler Islam angedacht war.

Doch dieses Politikverständnis steht nicht etwa im Vordergrund. Dies, da es Bedingungen gibt, die sich erhoben haben und nicht umgangen werden können, wie: “der Islamismus ist vorbei!” Dieser Aussage muss folglich in einem realen Referenzrahmen (durch die an der Macht) entsprochen werden. Die intellektuellen Bedingungen des Islamismus und die Grundfesten menschlicher Existenz, eben jeden Bereich auf das Politische zu reduzieren, hat sich als verlogen erwiesen. Das bedeutet nämlich, die Politik geradezu auszuwringen, sie zu Vereinheitlichen – und dann später zu sagen, Islamismus ist vorbei ist auch vor dem Hintergrund dessen, was gerade passiert in der Welt verlogen. Bleibt zu sagen, dass die irdische Politik und der jenseitig orientierte Islamismus als Gegensatz zu begreifen zwar geschrieben steht, aber im Leben keine Gegensätze sind.

 

… Die Absicht hinter der Kritik der AKP, dass die Parteien und der Islam ein reduktionistisches und eingeschränktes Verhältnis haben, dass die Bedeviler (Mönchsorden) degeneriert seien, den Freuden des Stadtlebens fröhnten und dergleichen, sind haltlose Behauptungen, die immer wieder zu hören sind. …. Was so im allgemeinen hervorgebracht wird beim Betracht der Generationen, ist, dass die erste Generation aus der Armut kam und Geld verdiente, die zweite Generation sich der Kunst, der Literatur und dem intellektuellen Leben hingab und die dritte Generation erneut verarmt – die Angelegenheit also von Neuem beginnt. Islamismus, das, was islamische Zivilisiertheit genannt wird, zeigt recht anschaulich die verborgene Kritik – von zuvor – auf, nämlich, dass die in der Blüte Stehenden es schaffen müssen, die anstehende Degeneriertheit der nächsten Generation zu umgehen. Der Architekt Sinan ist schließlich zur Zeit Kanunis am Schaffen gewesen, nicht umgekehrt. Die Epoche, in der der Islam intellektuell am leuchtendsten und stärksten war, war der Zeitram vom 9ten zum 11ten Jahrhundert. Stimmt, ein Überbleibsel wie der Islamismus aus vor 150 Jahren hat die an die AKP gerichtete Kritik in der Diskussion über Degeneriertheit der konservativ/gesellschaftlichen Teile der Regierung endlich beendet. Inwiefern diese Behauptung ein Teil des Aktionismus der AKP wiederum ist, gilt es durchaus zu fragen?

Und darüberhinaus, auch wenn es für die Kritiker sogar keinen sozialen Boden dafür gibt, für die sind „Frauen, die mit Kopftuch in Jeeps einsteigen“ schlechthin das Symbol dessen, welches in vergangener Zeit eine ungleiche Herrschaft der überkommenen alten Eliten war, die keine Grenzen kannten, kein Ungerechtigkeitsgefühl empfanden. Was ein interessantes Forschungsfeld sein dürfte, ist den Graubereich zu ermitteln, in dem politische/ideologische Einstellungen, wenn auch verschieden, mit der alten Elite einen ähnlichen gesellschaftlichen Status ablesen lassen – die Verwandtschaft zwischen Ideologie und Status (der beiden) ist gemeint. …

 

Die am 1. Mai in Erscheinung getretenen revolutionären Islamisten haben, mal von anderen Beweggründen abgesehen, vielleicht aus dem zuvor Gesagten ihre Phantasien genährt. Ihre Armut und von Besitzneid gesteigerter Idealismus sind zwar naiv, aber das wird von vielen unserer Intellektuellen gewiss als sympatisch empfunden. In der Geschichte gibt es dafür zudem zur Genüge Beispiele. Ähnliche gabs im Mittelalter, so auch danach bei den Christen, und zwar in der protestantischen Bewegung. Luther, Calvin und Münzer, die haben die Armut zur Zeit Jesu hochgehalten, die Gegenwart, in der sie lebten kritisiert. Von ihnen hat aber lediglich Münzer in einer kämpferischen Organisation der verarmten Dörfler mitgekämpft und zuletzt sein Leben gelassen. Luther hat sich mit den deutschen Prinzen geeinigt, Calvin sogar in Genf eine despotische Herrschaft errichtet und durchgeführt.“

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