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Klassik in zwei Variationen – Nordzypern

Wenn vom Norden Zyperns gesprochen wird, heißt dies, dass damit der türkischsprachige Teil, der sich 1983 als selbständiger Staat proklamierte, gemeint ist. Seit der Öffnung der verschiedenen Grenzübergänge und dem Beitritt des Südens von Zypern zur EU, ist der nördliche Teil leichter zugänglich.
Viele kulturell interessante Orte sind dort zu besichtigen, wie u.a. die Klosteranlage Belapais (türkisch:Beylerbey), die sich rühmen darf, eine der schönsten gotischen Klosterruinen des Mittelmeerraumes zu sein. Dass das gleichnamige Dörfchen einen unglaublichen Reiz aufweist, zeigt sich auch darin, dass stets Künstler und Schriftsteller dort gewohnt haben und heute noch wohnen, wobei einer der berühmtesten der englische Schriftstelle Lawrence Durrell war, der seinen Bestseller „Bittere Limonen“ in eben diesem Dörfchen geschrieben hatte.
Gemäß Baedeker wird gesagt, dass die Abtei 1205 von Augustinermönchen gegründet wurde, die nach der Eroberung Jerusalems durch Saladin nach Zypern geflüchtet waren. Die damals herrschenden Lusignans waren zuweilen großzügige Spender. Der Niedergang von Belapais begann erst im 16. Jahrhundert, und als die Osmanen Zypern eroberten flohen die Mönche. Der Kreuzgang ist noch teilweise erhalten und benutzt wird noch immer das Refektorium mit seinem vollkommen erhaltenen Kreuzrippengewölbe. Über dem Portal, noch sehr gut sichtbar, prangen die Wappen der Lusignans, die sich dort als Könige von Zypern und Jerusalem ausweisen.
Dieser gotische Festsaal ist heutzutage Austragungsort vieler Konzerte. Kürzlich wurde ich darauf aufmerksam, dass ein Wohltätigkeitskonzert besonderer Art stattfinden würde. Ich habe nicht gezögert, dorthin zu fahren und war vom Konzert begeistert. Schon das Organisationskomitee war grenzüberschreitend und gut strukturiert. Es waren zwei Rotary Clubs, und zwar der nordzyprische „Nicosia Sarayönü Club“ zusammen mit dem Istanbuler „Ataşehir Club“ am Werke.
Der erste Teil des hervorragend organisierten Abends war europäisch klassischer Musik gewidmet. Die nordzyprische Sopranistin, Laden Ince, die in Ankara, England, Italien, Deutschland und in der Schweiz Gesang studiert hat, meisterte ihre Darbietung hervorragend. Die Auswahl ihrer Stücke war breit gefächert und führte von Mozart Arien, über Schubert und Brahms Lieder hin zu Verdi und Puccini. Sie meisterte ebenfalls die schwierige Arie „Mein Herr Marquis“ aus Johann Strauss‘ Fledermaus mit Bravur. Es ist klar, dass der jungen Sängerin an einem solchen Abend und bei einem so variantenreichen Programm nicht alle Stilrichtungen perfekt gelingen konnten – doch dennoch! Als Gesamtbeurteilung darf aber gesagt werden, dass dieser jungen Sopranistin eine erfolgreiche Karriere bevorstehen dürfte. Am Klavier begleitet sie einfühlsamn Demet Alkan, die ebenfalls eine beachtlichen Wertegang aufzuweisen hat.
Der zweite Teil des Abends bestand aus klassischer Folklore und spannte sich inhaltlich über Kontinente. Der Star war die türkische Mezzosopranistin, Serenad Bağcan, die aus einer Musikerfamilie in Ankara stammt. Sie wurde begleitet von Mehmet San, am Klavier, von Bilgin Canaz an der Ney, von Balkar Tamuçay, Trompete, und Tansu Karpinar, Perkussion. Das weitgespannte Repertoire umfasste Lieder des aus Bosnien stammenden Goran Bregovic (geb. 1950), dem Panamesen Carlos Eleta Almara (1921-2011), dem Argentinier Atahualpa Yupanqui (1908-1992), der in seinen jungen Jahren mit seiner Musik Furore in den europäischen Städten auslöste, sowei verschiedenen sogenannten anonymen Komponisten. Wer, bei einem solchen Anlass unter keinen Umständen fehlen durfte, ist die lebende Legende (wie das ZDF meint) Zülfü Lívanelí selbstverständlich gewesen. Er trug ein Lied vor.
Die Sängerin Bağcan, also, mit ihrem perfekt eingespielten Team der vier Musiker fesselte die Zuschauerschaft mit der facettenreichen Interpretation dieser sehr verschiedenen Stilrichtungen innerhalb der klassischen Folklore gekonnt. Ihre satte Stimme, die auch Höhen und Tiefen spielend meisterte, setzte sie wirklich wirksam ein. Der lang anhaltende Applaus des zahlreichen Publikums wurde ihr zurecht so erteilt.
Nach dem Konzert traten wir aus dem gotischen Saal der Anlage in Belapais in die laue Luft eines wunderschönen Spätsommerabends in den beleuchteten Patio des alten Klosters unter einen funkelnden Sternenhimmel, wo die dort nahezu perfekte Harmonie von Architektur und Musik einem erst recht bewusst zu werden schien. Letzteres, die angesprochene Harmonie, ist gewiss kein Zufallsprodukt, sondern war und ist gewollt, zumal heute noch existent – wenn auch nachgeahmt, beziehungsweise empfunden; doch nun zum Glücke den Menschen.

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