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Grazovac und MEHR

Graz.

Nachts regnet es. Tagsüber scheint die Sonne. Der Sommer soll nochmal voll zurückkommen – morgen schon. Das, was Balkan ansonsten in vielen von uns in der Erinnerung hervorruft, sitzt in der Herrengasse und an anderen Orten der Stadt Graz in der Straße am Straßenrand gut vertraut in Bettelpose. Wer durch den Balkan fährt, sieht jedoch, dass dieses Bild Bettelnder für den Balkan eigentlich atypisch ist. Denn diese Region am östlichen Mittelmeer ist grün wie der Norden Europas. Nicht vorstellbar bei solch einem Anblick, dass da jemand darben könnte.

Die Preise in Geschäften und Cafes kommen einem aus Nordeuropa kommend dort meist realistisch hoch vor: eine Tasse Kaffee für umgerechnet einen Euro. Dieses wunderschöne, vorherrschende Preisniveau hat sich in Graz, an einem der Tore zum Balkan, allerdings verflüchtet. Hier schmeckt der Kaffee zwar noch immer gut wie in Zagreb, Budva oder Sarajevo, nur, die Melange, die Wiener Melange, die kriegen die Steirer einfach nicht so hin wie sie in Wien gemacht wird und preisgünstig wie im Balkan gibt es Kaffee hier leider auch nicht zu trinken.

Das Unterschiedliche in Graz an der Melange fängt eigentlich schon mit der Größe der Tasse an, in dem sie serviert wird. Die Tassen sind mir in der Steiermark zu klein für eine wienerische Wiener Melange. Kann gut sein, dass dieser optische Mangel mein Geschmacksempfinden türkt. Immerhin: Die Kaffeekultur aus dem Balkan ist auch hier in Graz ausgeprägt präsent. Die Grazer sitzen vielleicht nicht gar all zu lange im Kaffeehaus wie nebenan im Balkan. Vielleicht.

Dass ein Balkan oder Österreich ohne türkische Mitbürger denkbar ist, ist auch aufgrund der Geschichte nicht vorstellbar.

Und warum sich überhaupt die Mühe machen, so etwas als Satz zu formulieren?

Auf ORF2 habe ich mir gestern Abend nämlich eine ‘lustige’ Sendung angesehen. War zufällig auf diesem Kanal gelandet, gerade aus der Stadt zurückgekehrt. Zu hören, nicht zu sehen, war diese Journalistin, die in einem Arbeiterviertel, irgendwo in Österreich (vermutlich Wien) auf breitestem Österreichisch Fragen stellte. Gezeigt wurden in dem Beitrag ‘wahrhaft einfache’ Bürger und ihre Sicht der Dinge. Einer sagte, er freue sich eigentlich immer, wenn einer von den Schwarzen umkomme. Ein anderer, dass die vielen Ausländer so einen Lärm machten mit ihren Brettern an den Füßen.

Irgendwie konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich die Befragten in ihrer Welt, trotz gemeckere daran, recht gemütlich eingerichtet haben, wie auch “die Ausländer”, mit denen sie leben (dürfen). Einer Welt, wo man sich als abgehängt geradezu gern outed, wie es scheint, wo Knastaufenthalte halt Way-of-life sind und sein dürfen und man überhaupt Viere auch mal Fünfe sein lässt. Eine Welt, wo es noch andere Werte zu geben scheint, als gesellschaftlich an die sogenannte Spitze gelangen zu wollen. Und dementsprechend redeten die Befragten auch ins Mikrofon; und wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Das Bekenntnis, so mag ich es nennen, welches von ihnen auf diese ungeschmückte Art abgelegt wurde, verdient in einer Welt, in der gewisse Dinge nicht mehr so ohne Weiteres gesagt werden dürfen zwecks politischer Korrektheit, die es offenbar nahezu überall einzuhalten gilt und die von den Medien insbesondere eingefordert wird, schon so ihren Respekt. Schließlich sind Gedanken schon längst nicht mehr so frei äußerbar wie das eine oder andere Liedchen aus der deutschen Schlagerwelt vermuten lässt. Und so ähnlich Geartetes hat auch auf dem Balkan seine Auswüchse, wie folgt:

Kroatiens Mitte-rechts-Regierung hat nicht einmal ein halbes Jahr überlebt, aber trotzdem viel Schaden angerichtet. Insbesondere das Verhältnis zu Serbien hat sich in diesem Jahr noch um einiges verschlechtert, obwohl es ohnehin schon belastet war. Der Hauptgrund: Das EU-Mitglied Kroatien blockierte die Eröffnung neuer Beitrittskapitel für Serbien. … [Die] Art und Weise, wie das kroatische Außenministerium vorging, war kontraproduktiv. Insbesondere Deutschland und Österreich – sowie EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn – setzten sich erfolgreich dafür ein, dass der jüngste EU-Staat dann doch einlenkte [Kroatien]. … [Es ist] Wahlkampf und in jedem Wahlkampf spielt das Verhältnis zu Serbien eine Rolle. Oft wird es auch missbraucht, etwa als kürzlich Serbien nach monatelangen Verzögerungen doch noch das EU-Verhandlungskapitel 23 “Justiz” eröffnen konnte. Da reagierte Kroatien sofort und verlangte einmal mehr, dass die universelle Zuständigkeit in Sachen Rechtsprechung in Serbien abgeschafft werden müsse, wenn es um Kriegsverbrechen gehe. … Kroatien besteht … darauf, dass das Kapitel 23 nicht geschlossen wird, bevor das Gesetz zur universellen Gerichtsbarkeit nicht geändert wird. [Serbien] will [daher] aber darüber nachdenken, der kroatischen Minderheit im eigenen Staat eine bessere Stellung zu verleihen. … Vieles könnte sich jedoch entspannen, wenn der Wahlkampf vorbei ist … .

… Der Zweite Weltkrieg ist ein sehr beliebtes Thema, um die Emotionen in Kroatien und Serbien hochzufahren. Diesen Sommer wird wieder einmal das Thema “Kardinal Stephanic” aufgekocht. So hat ein Zagreber Gericht [Kroatien] dessen Verurteilung wegen Nazi-Kollaboration aufgehoben. … Stephanic wurde 1946 im kommunistischen Jugoslawien zu 16 Jahren Haft verurteilt. Er hatte von 1941 bis 1945 das höchste Amt der katholischen Kirche in Kroatien inne. Das Zagreber Gericht argumentiert, Stephanic habe nie eine Chance auf ein faires Verfahren gehabt. Kroatische Katholiken bemühen sich seit langem um Stephanics Heiligsprechung.

[Kroatien] im Konflikt mit dem Nachbarland Bosnien-Herzogwina[, hier] geht es hingegen um etwas Aktuelles, nämlich um Handelsbeziehungen und Landwirtschaft: Die Republik Srpska [RS] verweigerte kürzlich ihre Unterschrift zur aktualisierten Version des EU-Abkommens, weil sie massive Einbußen für die bosnischen Landwirte befürchtete. Der Hintergrund: Als das alte EU-Abkommen zwischen Bosnien-Herzogwina und der EU abgeschlossen wurde, war Kroatien noch kein EU-Mitglied und exportierte viel zu besonders guten Bedingungen ins Nachbarland.

In Bosnien-Herzogwina hat man nun Sorge, dass zollfreie Produkte aus der gesamten EU den Markt überschwemmen könnten. Dabei geht es gerade um Produkte, die für Bosnien-Herzogwina mit seinem Agrarsektor lebenswichtig sind. Nun hat sich Deutschland in den Agrar-Handelsstreit eingemischt und seine Hilfe angeboten, wenn es um drohende Ausfälle in der bosnischen Landwirtschaft geht.” [Das obige Zitat wurde dem österreichischen Standard entnommen, August 20/21, Jahr 2016, die Autorin: Adelheid Wölfi, die aus Sarajevo berichtet.].

Dass sich die Deutschen einmischen, wie Wölfli schreibt, hat gewiss etwas Zweischneidiges – und daher wohl auch die Bedenken in Sarajewo.

Auf gleicher Seite des Standards aus Österreich, Sonntagsausgabe, wird davon berichtet, dass die Türkei anstrebe, 2023 Vollmitglied der EU zu sein. Ganz nach dem Motto, könnten Sie nun denken, verehrte Leser: Wie hält man eine Legende am Leben?

Dass Herr Biden aus den USA, Stellvertretender Präsident, heute nach Ankara geflogen kommt und angeblich dort nicht übernachten wird, soll ein Zeichen dafür sein, dass die Beziehungen Washingtons mit Ankara gerade nicht blendend sind. In Griechenland wie auch auf Zypern und in der Schweiz werden bereits mehr Flüchtlinge registriert, die ankommen, wohl auch, um noch immer dem Fernziel Deutschland, wenn so gesagt werden darf, zu erliegen. Und wenn so nicht gesagt werden darf, dann halt: ihren Besuch abzustatten.

Bidens Anwesenheit in Ankara wird indes wohl eher mit dem Vermeiden eines offenen Konflikts der USA mit den Russen in Syrien, dem Irak und womöglich gar der Türkei zu tun haben.

Die Flüchtlinge scheinen eher eine Art Bauernfunktion in einem Schachspiel geworden zu sein. Ihre Leben zählen zwar, doch eben entsprechend wenig. Eine Führung durch das Landeszeughaus von Graz lässt zu dieser Beurteilung durchaus gelangen, wo davon berichtet wurde, wie die einfachen Lanzer einst in forderster Front die hohen, besser gerüsteten Herren und das Land verteidigten. Von 5en kam im Schnitt einer lebend zurück aus dem Kampffeld. Und das Interessante daran: der Job an der Front als menschliches Schutzschild war gefragt, denn es gab doppelten Sold, aber wohl keinen doppelten Tod.

Letzteres gibt uns durchaus anschaulich ein Geschmäckle davon, wie die Welt anscheinend seit länger gestrickt ist. In der Wochenzeitung Profil Österreichs widmet man sich diese Woche dem Phänomen Flüchtlinge – rückblickend sozusagen. Denn ein Jahr ist vorüber, als dieser Andrang für Österreich begann. Wo denn wohl der Herr Biden sei, fragt einer der Autoren der Profil in diesem Kontext. Weil beim Konflikt auf dem Balkan in den 90er Jahren hätten die USA ohne große Umstände zu machen, über 10.000 Flüchtlinge aufgenommen. Und jetzt, wo es sich um Syrer handelt, scheint Washington, schlussfolgere ich, anscheinend seine humanistische Ader abhanden gekommen zu sein. Vielleicht ist Herr Biden also nach Wien unterwegs, um dem neuen politischen Superstar Österreichs, dem Herrn Kurz, seine Aufwartungen zu machen, wenn er schon nicht in Ankara oder sonstwo in der Türkei übernachtet. Gewiss hat er Biden wahrscheinlich in Ankara auch von kommenden Generationen, die es zu beschützen gilt, erzählt und Kindern, denen eine Zukunft gegeben werden müsse.

Auch wenn von den armen Kindern, die in dem Konflikt in Syrien und andernorts leiden, heuchlerisch in politischen Reden gesprochen wird, die Masse zählt offensichtlich dennoch wenig.

Wie der Anschlag in Gaziantep/Türkei zeigt, ist das Bild der zu beschützenden Kinder und Frauen drauf und dran sich zu drehen. Also da die zu Beschützenden als emotionales Erpressungsmaterial einigen eventuell nicht mehr genügen (Frauen, Kinder, Alte), werden sie nun anderweitig instrumentalisiert. Denn wieder einmal haben ideologische Eiferer sich eines Kindes bedient, um Terror zu sähen, diesmal in Gaziantep.

Insofern dürfte sich die Diskussion darüber, ob Burka oder dergleichen verboten gehört oder nicht, schon demnächst ad acta gelegt sehen. Denn sollten Kinder, Frauen oder Alte vermehrt zukünftig in Terrorakte verwickelt werden, wollen WIR wahrscheinlich nicht nur erkennen können, welches Gesicht DU hast, sondern auch, wie DU DICH bewegst und was DU an DEINEM Körper trägst.

Kann gut sein, dass Überleben im brasilianischen oder kongolesischen Dschungel unter Pflanzen, Tieren und Indigenen vielen schon bald möglicher erscheint als in unseren als zivilisiert geltenden Metropolen und/oder ihren Trabanten.

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