Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘tosca’

Tosca im Doppelpack

Jeder Opernliebhaber weiß, dass die Geschichte um Tosca historisch so, wie sie geliefert wird auf der Bühne, nicht verbürgt ist, sondern dass viel Dramatik, vermeintliche Dreiecksgeschichten und Intrigen eingeblendet wurden. Daher stimmen die am meisten aufgeführten Puccini Oper, „Tosca“, mit den Begebenheiten von einst nicht 1:1 überein.

Mit dem Fünfakter „La Tosca“, die einst von der legendären Sarah Bernhardt uraufgeführt wurde, war Victorien Sardou (1831-1908) ein Meisterstück gelungen. Er vermischte Fiktion und Wirklichkeit perfekt. Der Hintergrund der Geschichte spielt sich in Rom ab, beim zweiten Italien-Feldzug Napoleons, der in der Schlacht von Marengo den Sieg über das russisch-österreichische Heer erzielte um das Jahr 1800. Vorausgegangen waren der erste Feldzug gegen die Österreicher in Italien und der Waffenstillstand mit Papst Pius IV. Die Auseinandersetzungen zwischen päpstlichen Truppen und Napoleons Anhängern entschied sich zugunsten der Franzosen und führte zur Ausrufung der Republik Frankreich. Das Kriegsgeschehen änderte sodann erneut zugunsten Österreichs, was zum zweiten Feldzug Napoleons führte, und, hélas, sind wir in Tosca’s Gegenwart angelangt. Die meisten Figuren, die Sardou in seinem Stück dem historisches Ambiente einpasst, sind dennoch frei erfunden.

Der Erfolg des Stückes war damals wirklich immens.

Schon früh interessierte sich Puccini (1858-1924) für diesen Stoff, aber erst 1896, nachdem er eine Aufführung in Florenz mit Sarah Bernhardt gesehen hatte, wurde er beflügelt, das Thema in Musik zu setzen. Das Stück musste abgeändert und verkürzt werden. Luigi Illica, der bereits tätig geworden war, spannte sich Giuseppe Giacosa ein, um den Wünschen Puccinis gerecht zu werden.

Im Januar 1900 dann fand die Uraufführung mit der rumänischen Diva Hericlea Darclée statt, wurde vorerst aber nur ein mäßiger Erfolg. Noch im gleichen Jahr ist die Oper in Paris und London mit durchschlagendem Erfolg aufgeführt worden. Die damaligen Sängerinnen rissen sich um die Titelpartie. Seither wird die Tosca eigentlich von allen Primadonnen gesungen: Maria Jeritza, Maria Caniglia, Zinka Milanov, Renata Tebaldi, Maria Callas, Leontyne Price, Grace Bumbry etc.

In der Rolle des Cavaradossi‘ sind es nicht minder viele Startenöre: von Caruso bis Carreras, Domingo und Pavarotti etc. So haben auch in der Rolle des Polizeichefs Scarpia u.a. die Baritone Tito Gobbi, Sherill Milnes und Ingvar Wixell brilliert.

Bereits 1902 kam eine deutschsprachige Aufführung in Dresden raus. Rolf Fath erwähnt in seinem Opernführer, dass Tosca weitgehend im historischen Ambiente belassen worden ist. Nur selten betonen die Regisseure der Tosca-Aufführungen das Politdrama, wie zum Beispiel 1920 in Moskau, wo das Stück in einen Kampf der Kommune umgewandelt wurde, oder 1986, wo Jonathan Miller beim Maggio Musicale in Florenz das Stück im faschistischen Italien spielen ließ.

Seit einiger Zeit grassiert die Unart der Regisseure, Stücke ins Moderne katapultieren zu müssen, was für die meisten Kenner der Tosca zuweilen heftiges Kopfschütteln verursacht, und der Mätzchen leider zu oft überdrüssig werden.

Ich hatte diesmal die Möglichkeit, ja, das Glück, kurz hinter einander zwei Tosca-Aufführungen zu sehen, die nicht unterschiedlicher voneinander hätten sein können. Die erste Aufführung sah ich live am Theater in Basel, unter der musikalischen Leitung von Giuliano Betta. Das Bühnenbild war von Florian Lösche und die Regie von Jette Steckel. Das Bühnenbild ist ziemlich dunkel gehalten gewesen; große, über 3m hohe, kubisch zugeschnittene Blöcke verschoben sich mühelos mit Hilfe der Drehbühne zu einer recht interessanten Kulisse, eine Technik, die den Umbau des Szenenbildes vereinfacht beziehungsweise unnötig macht. Die Kehrseite der Medaille war aber auch, dass es kein wirklich stringent durchdachtes Raumkonzept zu geben schien, zumal zwischen diesen Blöcken öfters agiert wurde, als ob wenig Platz bestünde, als schaffe das eine Art Rechtfertigung dafür, dass die Sänger dauernd an der Rampe sangen oder aber am Bühnenrand und sogar auf dem einigermaßen engen Laufsteg, der zwischen dem Orchestergraben und dem Publikum sich befand. Der Clou der Regie ist dann auch gewesen, wenn so gesagt werden darf, dass der Maler Cavaradossi seine Maria Magdalena nicht etwa malte, sondern als „Pin-up-girl“ fotografierte und diese auf einer Leinwand schwarz-weiß projiziert zu Betracht gab. Meiner Meinung nach wurde der Gesang der eifersüchtigen Tosca ins Lächerliche gezogen, die ihren Geliebten beschwört, die Augen der Maria Magdalena, die er gemalt hatte, von blau auf schwarz zu ändern, eben weil sie der der Rivalin, der Gräfin Attavanti, ihr zu sehr glichen. Ein schwarz-weißes Foto hat nun mal keine blaue Augenfarben, die da zu ändern wären!

Von anderen Mätzchen will ich gar nicht schreiben – wie zum Beispiel von den Popmusikeinlagen gleich am Anfang jeder Spielhälfte etc.

Die Hauptpartie der Tosca wurde ansonsten recht ordentlich von der englischen Sopranistin Claire Rutter gesungen, die an der „Guildhall School of Music and Drama“ ausgebildet wurde. Sie hat an verschiedenen Häusern in England und den USA gearbeitet, auch gelegentlich mit ihrem Ehemann, dem Bariton Stephen Gadd.

Der am Kazan State Conservatory ausgebildete Maxim Aksenov übernahm die Rolle des Cavaradossi. Dieser Tenor, der auch schon am Marinsky Theater und an verschiedenen europäischen Opernhäusern Gast war, hat sich vor allem auf die italienischen und russischen Opern spezialisiert. Bei der Vorstellung stellte sich jedoch heraus, dass er stimmlich nicht vollständig durchhalten konnte.

Die dritte Hauptperson in diesem Melodrama ist bekanntlich der Polizeichef Scarpia, der von einem Italiener, Davide Damiani, gesungen wurde. Der in seinem Heimatland ausgebildete Bariton ist ein bekannter und gefragter Sänger auf den europäischen Bühnen. Er wirkte bereits an der Staatsoper in Wien, sowie an den bedeutendsten europäischen Opernfestivals.

Es ist meines Erachtens äußerst fraglich, ob Opernstoffe vergangener Zeiten in die heutige politische Zeit versetzt und mit aktuellen Vorkommnissen gespickt werden sollten (im Programmheft ist der Brief des amerikanischen Staatsanwaltes an den russischen Justizminister in der Sache Snowden abgedruckt!). Mir ist das zu übersteigert – zu philosophisch verbrämt kam das daher. Den sogenannten modernen oder zeitgenössischen Regisseuren sollte endlich klar gemacht werden, dass die herrliche Musik dieser alten Melodramen dem Zuschauer schöne und erbauliche Momente bescheren. Die Tagesnachrichten genügen vollständig, die Weltlage uns Zuhörern bewusst zu machen. Mit diesen Inhalten braucht man den schönen Abend in der Oper nicht so zu verfremden, dass man nur noch heulen will – na ist doch wahr! Ich will mir meine Gedanken zu der Welt in der jetzt gelebt wird alleine, ganz selbstständig und ohne Fingerzeig machen, und daher braucht es geradezu die Aufführung solcher Opernklassiker möglichst klassisch, als Projektionsfläche sozusagen – das ist meine Meinung dazu!

Die zweite Aufführung der Tosca, die ich mir ansah und hörte, war diejenige aus der Metropolitan Opera in New York, wo Oper eben noch Oper ist und das Ohr des Menschen, trotz gruseligen Geschehen, sich erfreuen soll und darf. Und das tat es auch!

Von der Ausstattung her sowie der Künstler kann dieses enorm große Haus nicht mit kleineren europäischen Opernhäusern verglichen werden. Dank einer monatlich ausgestrahlten Direktübertragung einer Oper per HD-Live, wird die Welt versorgt – auch in Zypern zum Glück. Diese Tosca-Produktion oder Aufführung ist eine Koproduktion der Met, der Bayrischen Staatsoper sowie des Teatro alla Scala, Mailand, also drei führender Opernhäuser der Welt.

Regie führte Luc Bondy, der 65-jährige renommierte Schweizer-Regisseur, der nicht nur an den bekanntesten Opernhäusern wirkt, sondern ebenfalls als Theaterregisseur gefragt ist. Seit 1997 ist er Träger des Hans-Reinhart-Rings.

Das Bühnenbild ist dann auch als klassisch zu bezeichnen gewesen, die verschiedenen Akte wurden sinnverwandt aufgeführt, wie es der Originaltext vorschreibt. Es begann, wie es sich gehört, in der Kirche, wo Cavaradossi die Maria Magdalena malt, dann im Palacio Farnese, dem berüchtigten Hauptquartier des Polizeichefs Scarpia, und der Schluss fand auf dem Dach der Engelsburg statt – herrlich!

Abgesehen von den kolossalen Bühnenbildern sind die Stimmen der Vortragenden einmalig gewesen. Cavaradossi wurde vom inzwischen 50-jährigen Franzosen, Roberto Alagna, gesungen. Sein Tenor ist inzwischen voll ausgereift und richtig kräftig, den er mit allen emotionalen Nuancen einsetzt. Dies verhinderte aber nicht, dass sich einige wenige Unstimmigkeiten eingeschlichen hatten. Seit er 1988 den Internationalen Gesangswettbewerb Luciano Pavarotti gewonnen hat, hat er eine Höhenflug-Karriere, die in Frankreich begann, zu verzeichnen. Seit vielen Jahren gehört er zu den großen Tenören, die in New York, in Paris, Mailand oder London singen.

Ebenbürtig im Spiel war ihm Tosca, die von der amerikanischen Sopranistin Patricia Racette interpretiert wurde. Sie gewann den renommierten Robert-Tucker-Award im Jahre 1998 und singt seither die führenden Rollen des italienischen Opernrepertoires in Genf, München, Paris, London, und auch in den bekanntesten Häusern der USA wie San Francisco, Washington. Sie ist so wunderbar in der Lage, ihr schauspielerisches Können mit ihrer perfekten Stimme, die zu den jeweiligen Emotionen in Einklang steht, ja, diese geradezu heraushören lässt, zu verschmelzen. Frau Racette verkörperte die eifersüchtige, aber standfeste Frau, die von nichts zurückschreckt, um ihren revolutionären Geliebten zu retten, großartig.

Die dritte Hauptrolle (Bariton) ist bekanntlich die des Polizeichefs Scarpia, verkörpert durch den Georgianer George Gagnidze, der seit 2009 an der Metropolitan singt. Seine Karriere begann in Deutschland und führte ihn schnell an die Deutsche Oper Berlin, La Scala in Mailand, Wien und Zürich. Mit Vorliebe singt er auch in russischen Opern und gastiert öfters im Bolshoi, wird gesagt. Die satanische Mentalität des Polizeichefs, der Menschen skrupellos für seine eigene Machtspielchen und Perversionen benützt, ist, finde ich, die Paraderolle großer Baritone. Gagnidze steht den vergangenen Größen hier nicht nach. Seine Interpretation des Bösen konnte er mit Stimme und Mimik sehr überzeugend ins Publikum tragen, dass uns Kälteschauer über den Rücken liefen.

Bei den Aufführungen der Metropolitan Opera von New York (Met) scheint es selbstverständlich zu sein, dass sämtliche Nebenrollen ebenfalls von ausgezeichneten Sängern besetzt werden. Dirigent war Riccardo Frizza. Kurz: Die Handlung, die Stimmen, die Gestik, Bühnenbild und Musik sind zu einer intensiven Einheit verwoben worden, was einen solchen Abend besonders eindrücklich und wertvoll macht.

Dass der Stadt Limassol gehörende Rialto Theater überträgt regelmäßig aus der Met, was sehr erfreulich ist. Zyprioten scheinen der Spielart namens Oper noch nicht viel abgewinnen zu können, sind hingegen der Musik sehr zugewandt, wenn es sich um zyprische oder griechische Folklore handelt.

Geht man in eine hiesige Taverne mit Musik, ist man bass erstaunt, wie das Publikum stundenlang mitsingt und scheinbar die gesamten Texte auswendig kennt.

Während der Sommermonate finden einige Liederabende mit ausländischen Sängern ansonsten noch statt. Und das Opernfestival gibt es jedes Jahr in Pafos zu besuchen, eigentlich immer Ende August/Anfang September. Nur dann kann an drei aufeinanderfolgenden Events Oper live in Zypern gesehen werden. Ein mehr oder weniger bekanntes Opernhaus wird dazu engagiert. Dieses Jahr kam zum ersten Mal das zyprische Orchester zum Einsatz – durchaus erfolgreich.

Es mag sein, dass der Kulturbeauftragte der Stadt Limassol den Eindruck gewann, dass diese Übertragungen aus New York erfolgreich sein könnten und besonders bei den sehr zahlreichen Ausländern gut ankäme, womit er den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Das Rialto-Theater füllte sich beachtlich, und zwar auf zweidrittel mit Ausländern, Zyprioten gewiss auch einigen Türkischzyprioten. 

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: