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Posts Tagged ‘wolfgang koydl’

Respekt, wem Respekt gebührt!?

Hätten Sie gedacht, dass das Schwyzer-Dütsch, das sogar von Schweizer Politikern vor laufender Kamera gesprochen wird, immer wieder, eine richtig klasse Funktion gesellschaftlich in der Schweiz hat? Den Ausländern, die integriert werden wollen und sollen, erleichtert es nämlich den Eintritt in die Schweizer Gesellschaft. Denn wer Schwyzer-Dütsch reden kann, ist schon fast integriert. Im Gegensatz zum deutschen Modell, wo der toll ankommt, der Hochdeutsch am besten trällern kann, verlegen sich die Schweizer lieber auf die Sprache, nach der ihnen der Schnabel gewachsen ist als Marker. Es ist also eher auch eine Herzensangelegenheit, kein Art abstrakt, schulisch-etc.-erworbenes Etwas. Insofern irrt, wer denkt, die Schweizer könnten es nicht besser – sie wollen es einfach irgendwie nicht passieren lassen, Hochdeutsch ihr Gemeinwesen – langsam aber sicher – zersetzen zu lassen. Um dazu Näheres zu erfahren, macht es gewiss Sinn und vor allem Spaß, Herrn Koydl zu Rate zu ziehen.
Wofgang Koydl hat im Orelli Füssli Verlag ein wunderbares Buch zur Schweiz im Vergleich hauptsächlich zur BRD verlegen lassen, Die Besserkönner (2014 herausgekommen). Und so schreibt er auf Seite 8 der Einleitung unter anderem: „Warum schaffen es Schweizer, vier Religionen, vier Volksgruppen mit vier Sprachen und 26 verbissenen auf ihre Eigenständigkeit bedachte Kleinstaaten friedlich und zum gegenseitigen Vorteil unter einem Dach zusammenzuhalten…? … .
Zeit-Herausgeber Jofes Joffe gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er von der Schweiz spricht: „Der deutsche Mensch, dessen Staat knapp die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes kassiert, kommt aus dem Erstaunen nicht heraus: Helvetiens Staatsquote liegt bei einem Drittel, die Staatsschuld bei 35 Prozent vom Wirtschaftsauskommen. Und doch funktioniert die Schweiz mindestens so gut wie Deutschland…. . Es gibt vieles, was die Schweizer besser können… . Die Welt verbessern wollen Schweizer … nicht…. .[G]rundsätzlich halten Schweizer Besserwisser für arrogante Schnösel und Weltverbesserer für windige Heißluftproduzenten…. . Die Rede ist des Schweizers Sache nicht, genauso wenig, wie er es schätzt, wenn ihm jemand hineinredet. Er handelt lieber – still und zielstrebig…. . Ein Europa a la Suisse wäre besser nicht nur für die Schweiz, sondern auch für Europa und seine Bürger. Will die Schweiz in ihrer bisherigen Form überleben, muss sie ihr System exportieren. Sonst würde sie gezwungen, im Interesse eines homogenisierten Europas ihre Besonderheiten dem Mainstream anzupassen…. .
Die Eidgenossenschaft hat zwar dieselben Proleme wie andere postindustrielle Gesellschaften, aber ihre Lösungsansätze sind oft anders, origineller und deshalb nicht selten beispielhaft…. Natürlich leben außerhalb der Schweiz nicht nur Deppen. Die Berufsbildung in Deutschlad mit dem Dualsystem aus Schule und Praxis ist vergleichbar genial wie in der Schweiz. Selbstbewusste Individualisten findet man auch im Vereinigten Königreich. Skandinavier sind stolz auf ihre gesellschaftlliche Solidarität. Voluntarismus, die Bereitschaft, freiwillig anderen zu helfen, ist in den Vereinigten Staaten genauso stark ausgeprägt wie in der Schweiz. Und belgische Schokolade und französischer Käse können sich mit Schweizer Produkten messen.
Aber nur die Schweiz bietet das Gesamtpaket [der zuvor aufgezeigten Qualitäten oder Charakteristka]…. .[W]ie sie der freisinnige Appenzeller Abgeordnete Andrea Caroni einmal [so] aufgezählt hat: ‚Unsere heimatverwurzelte Weltoffenheit, unser selbstkritischer Patriotismus, unser bescheidenes Überlegenheitsgefühl …, unsere waffenstrotzende Friedensliebe, unsere volksverbundene Politelite, unsere kühle Gastfreundschaft, unsere krämerische Großzügigkeit, unser kollektiver Individualismus, unsere europhile Europhobie, unsere kosmopolitische Lokalkultur, unsere bürgernahe Bürokratie, unsere strategische Strategielosigkeit, unser träger Fleiß …, unsere säkulare Religiosität, unsere gestaltete Naturlandschaft, unsere selbsicheren Selbstzeweifel, unser modernes Traditionsbewusstsein…. .
Das Schweizer Modell sprengt ideologische Raster. Denn letzten Endes geht es um etwas sehr Einfaches: dass freie Individuen frei darüber eintscheiden können, was das Beste für ihre Gemeinschaft ist…. Es wird Zeit, von [den Schweizern] zu lernen…. .[Viktor Geacobbo, ein Schweizer Kabarettist] … muss eine Weile überlegen, bevor er auf die Frage antwortet, was denn den Schweizer im Kern ausmacht. ‚Das Hauptimage, also wie er sich selbst sieht …, ist eine gute Mischung aus einer leichten Minderwertigkeit der weiten Welt gegenüber und einem gleichzeitigen Stolz darauf, dass er Schweizer ist, weil eben die Schweiz immer ein wenig anders ist als die übrige Welt. Das denkt der Schweizer jedenfalls.Das Prinzip Sonderfall Schweiz ist in jedem Eidgenossen tief drinnen fest verankert, selbst wenn er das kritisch sieht. Vermutlich ist das auch eine der Triebfedern, die ihn antreibt’… .
Das Konstrukt [,welches die Schweizer als Nation zusammenhält, egal wie unterschiedlich sie leben und sprechen etc.] nennt sich Willensation, weil die Bürgerinnen und Bürger Schweizer sein wollen. Zwingen tut sie niemand. Das würden sie sich auch nicht gefallen lassen. [Der Unterschied zu anderen Nationen] besteht darin, dass ihnen dieses Gefühl oft aufoktroyiert wurde von machtbesessenen Herrschern, die einen einheitlichen Zentralstaat formen wollten [z.B. in Deutschland oder Frankreich]….. Schweizer besitzen außer den … Sekundärtugenden vieles, was Deutschen – zumal jenen aus den nördlichen Landesteilen – abgeht: Umgangsformen, Lebbensart, Savoir-vivre. Dazu gesellen sich Bescheidenheit, Höflichkeit, Verbindlichkeit, Kompromissbereitschaft und eine fast schon asiatisch anmutende Sorge, dass der andere das Gesicht verlieren könnte…. . ‚Man darf den Unterlegenen nicht demütigen‘, erklärt mir Pascal Couchepin fast schon beschwörend [ehemaliger Bundesrat]…. . Der Schweizer Publizist Roger Köppel bringt die Größenverhältnisse in Spiel [bezüglich der zuvor geäußerten Ansicht Couchepins]: ‚Wir sind ein kleines Land, da ist die Chance groß, dass wir einander irgendwann wieder begegnen’… . Das stimmt, übersieht aber, daass diese Gleichung bei anderen kleinen Nationen nicht aufgeht. In Albanien oder Sizilien etwa …. wird noch Blutrache ausgeübt. Das verleiht allen Begegnungen [im Alltag] zwar einen Adrenalinkick, gilt aber nicht als Ausdruck liebsnwürdiger Umgangsformen…. .
Generell bringen Schweizer mehr Geduld für ihre Mitmenschen auf als andere Völker…. .’Wir fühlen uns ausgeprägter der Harmonie verpflichtet, suchen das Verbindende, nicht das Trennende im zwischenmenschlichen Umgang‘, hat Christoph Stokar beobachtet. ‚Wir sind im täglichen Miteinander schnörkelloser als die Deutschen, pflegen generell eine höflichere Alltagssprache und unkompliziertere Umgangsformen’… . Vor allem achten Schweizer aufeinander…. Tatsächlich ist die soziale Kontrolle stark ausgeprägt, sogar in Metropolen wie Zürich oder Genf. Man schweigt nicht, wenn ein Mitbewohner gegen eine der zahllosen Regeln verstößt. [Damit können Russen scheinbar schlecht umgehen, schreibt Koydl. Ihnen wurden die gesellschaftlichen Regeln einst] von oben angeordnet und werden daher als sinnlos empfunden. Jeder Regelbrecher [wie oft auch in Deutschland] kann sich der klammheimlichen Sympathie seiner Mitbürger sicher sein: Denen habe wir es wieder mal gezeigt. In der Schweiz aber hat sich die Gemeinschaft diese Regeln selbst gegeben – als Grundlage für ein reibungsfreies Zusammenleben. Wer hier gegen Vorschriften verstößt, kann nicht auf Sympathie zählen. Im Gegenteil: Er stellt sich außerhalb der Gemeinschaft…. . [Koydl erwähnt hier das sogenannte Wir-Gefühl].
Im Alltag führt das Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft dazu, dass Bürger Mitmenschen zu Hilfe kommen, wenn sie belästigt oder gar bedroht werden…. . ‚Im Gegensatz zu den Deutschen haben wir keine Kasernenhofkultur‘ , betont Knigge-Autor Stokar. ‚Im Gespräch bevorzugen wir den Konjunktiv und nicht den Imperativ‘. Ein Beispiel: Ein Gartenrestaurant am Zürichsee an einem strahlend shönen Sommertag. Das Lokal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, das Servicepersonal müht sich nach Kräften, die Bestellungen zu bewältigen. Sogar die Chefin packt mit an. Zwischen zwei Gästen dreht sie sich kurz zu einer Mitarbeiterin um. ‚Möchtest du Tisch fünf einmal fragen, ob sie noch was wollen‘ [; was sich im deutschen Kontext eventuell so angehört hätte: was stehst’e da rum wie angewachsen. Siehst du nicht…]….
Diese Wahlmöglichkeit erfährt der Schweizer auf Schritt und Tritt. Sie hat sogar Eingang in die Behördensprache gefunden. Eine Vorladung, sei es vor Gericht oder zur Fahrzeugkontrolle, ist hier immer eine Einladung – und die kann man theoretisch ausschlagen… .
Eine persönliche Beziehung [Erwähnung und Anrede] ist Schweizern sehr wichtig, und wenn sie noch nicht existiert, baut man sie eben auf. Dies führt unter anderem zu einer antiquierten und zuweilen extrem verschlungenen Etikette am Telefon. Man fällt mit einem Anliegen nicht wie mit der Tür ins Haus, sondern tastet sich allmählich vor – auf Umwegen über das Wetter, das persönliche Befinden und jenes der engeren Familie. Nich weniger ausfühlrlich verabschiedet man sich aus dem Gespräch [Von japanischen Ritualen spricht Koydl in diesem Zusammenhang. Der Schweizer Schriftsteller Peter von Matt schildert]: ‚ Als ich früher häufig mit Marcel Reich-Ranicki telefonierte, hat es mich immer irritiert, wie grob und kurz angebunden er zu sein schien. Einfach ‚tschüss‘ [sagte er] und [legte] auf. Es hat lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass er es nicht so gemeint hat’… .
Die in Hamburg lebende Schweizer Dramatikerin Laura de Weck hat festgestellt, dass ihre Landsleute ‚in nonverbaler Kommunikation intensiver trainiert‘ würden als die Deutschen [im Alltagsleben]. ‚Wir sind geschult darin, Aussagen nicht als solche hinzunehmen, sondern beispielsweise die Länge einer Pause zwischen zwei Sätzen zu bemessen oder einen stehen gebliebenen Halbsatz weiterzudenken… Unterhält sich ein Schweizer mit mir … ruft mein Schweizerhirn die Frage ab: Was will er damit eigentlich sagen? In Deutschland darf ich diese Frage ausschalten, mein Gegenüber sagt mir genau das, was er sagt’…. .
Mit dieser Art der verschlüsselten Rede verfolgen die Schweizer noch einen anderen Zweck: Sie möchten Konflikten vorbeugen… . Da hilft es, wenn man einander erst einmal sachte abklopft. Die mitunter fast schon obsessive Lust am Konsens ist denn auch ein Markenzeichen, das so schweizerisch ist wie das Matterhorn…. . Auch Roger de Weck meint, dass Deutschland ‚mindestens so konsensorientiert ist wie die Schweiz‘. Freilich sei das deutsche Konsenzbildungsverfahren ganz anders: Aus These und Antithese entsteht am Ende eine Synthese, der sich die meisten anschließen können. ‚Der ungeübte Beobachter deutscher Verhältnisse denkt, die beiden Kontrahenten kommen nie zusammen … . Aber schließlich gibt’s dann doch eine Große Koalition, eine Sozialpartnerschaft, einen Gesamtarbeitsvertrag, einen Interessenausgleich zwischen den Bundesländern‘.
In der Schweiz verhalte es sich genau umgekehrt: ‚Am Anfang ist der Konsens: Wir sind uns doch alle einig. Sobald das postuliert worden ist, zieht jeder den Konsens-Flickenteppich in seine Richtung. In der Annahme, man sei sich einig, darf man schon die Decke strapazieren. Am Ende steht dann die Anpassung des Konsens‘. [Wie Jean Ziegler (Buchautor u.a.) denkt auch Jean-Daniel Gerber (ehemals Leiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft) …, dass es ‚das Land zusammenhält… . Der Nachteil freilich ist, dass es in einer Krise keinen Chef gibt, de resolut und rasch die Richtung angibt‘. Dies habe sich zuletzt im Streit mit Amerikanern und Europäern um das Bankengeheimnis und die Schwarzgeldkonten gezeigt.. .
Eine blindwütge Streitkultur wird aus der Schweiz freilich nie werden. Dazu haben ihre Bewohner einfach zu viel Respekt vor der Meinung des anderen… .“
Wir finden, das ist sehr sympathisch. Mal sehen, was Koydl noch alles zu erzählen weiß über die Schweizer Nachbarn – die zugern auch Strafzettel an Autos mit deutschen Nummerschildern zu heften scheinen, die – wie ihre mit falsch parkenden Schweizer Autos – an Orten parken, wo eigentlich nicht geparkt werden darf. Hier scheint der Regelverstoß, von dem zuvor die Rede war als Ausschlusskriterium, auch national- oder lokslpstriotisch gefärbt lediglich geahndet zu werden. Immerhin: Dass man den Deutschen das Auto abfackelt, so weit ist es längst noch nicht, wie vor kurzem mal wieder im Osten Deutschlands, als ein Asylantenwohnheim angesteckt wurde, was sich leider (oder zum Glück?) nicht auf Ostdeutschland beschränken lässt, sondern auch im ehemaligen Westdeutschland immer mal wieder der Fall sein kann – und ist. Dass die EU gerade ausbrütete, Flüchtlinge noch aggressiver von der Festung Europa abzuhalten, anstatt endlich ihr Können, Wissen und ökonomische Macht zum Beispiel an der nordafrikanischen Küste von Tangir in marokko bis nach Port Said/Ägypten zu investieren, wird den Herren und Damen gewiss dann erst einfallen, wenn Chinesen, Inder und andere dieses Geschäft sich unter den Nagel gerissen haben werden. Von der Schweiz lernen, heißt eben, die Unterlegenen nicht zu demütigen. Die EU täte gut daran, diese Erkenntnis in ihrer Weite zu verstehen und, versteht sich, für sich zu nutzen (win-win und so).

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